Werdenberg – die älteste Holzsiedlung der Schweiz und vielleicht kleinste Stadt der Welt

11.07.2016 |  Von  |  Denkmalschutz
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Werdenberg – die älteste Holzsiedlung der Schweiz und vielleicht kleinste Stadt der Welt
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Werdenberg im St. Galler Rheintal ist die älteste Schweizer Holzsiedlung mit städtischem Charakter, zudem gilt sie als die wahrscheinlich kleinste Stadt der Welt. Wer sich für Denkmalpflege, Geschichte und mittelalterliche Bauwerke interessiert, sollte einen Ausflug hierher planen.

Ich besuchte Werdenberg vor ein paar Jahren auf einer Wanderung, die von hier nach Sargans führte. Auf der Strecke gab es neben den hervorragend erhalten gebliebenen Häusern des kleinen Ortes noch so einige weitere kulturhistorische Highlights zu erleben, wie beispielsweise das Schloss Sargans und die Ruine Wartau. In diesem Beitrag möchte ich mich aber auf das kleine, aussergewöhnliche Städtchen beschränken. Die Geschichte Werdenbergs ist mit der der gleichnamigen Burg eng verbunden:

Schloss Werdenberg thront auf einem Hügel über dem Städtli und das, laut Urkunde, schon seit Anfang des 13. Jahrhunderts. Der Stammvater der Werdenberger, Graf Rudolf von Montfort residierte mit seiner Familie im Vorarlberg, wo sie bei Götzis die Burg Montfort bewohnten.

Das linksrheinische Gebiet fiel dem Grafen dank eines Erbes zu und machte ihn dadurch zum Begründer des Grafengeschlechtes Werdenberg. Der Bau der Burg wurde 1228 in Angriff genommen, Saalbau und Ringmauer konnten 1232 fertiggestellt werden. Der aus dieser Zeit stammende Rittersaal blieb bis heute unverändert bestehen.


Schloss Werdenberg (Bild: Margaret.sw, Wikimedia, GNU)

Schloss Werdenberg (Bild: Margaret.sw, Wikimedia, GNU)


Schloss Werdenberg hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich, zu welcher sich verschiedene Angaben finden lassen. Ob es an dem fehlenden Erben lag oder daran, dass Rudolf II. die Burg aus finanziellen Gründen verpfänden musste: In den folgenden Jahrhunderten wechselten die Besitzer mehrfach. Zuletzt war das Schloss im Privatbesitz der Familie Hilty, die es in verwahrlostem Zustand 1835 erwarb, restaurierte und teilweise umbaute.

Frida Hilty schenkte ihr Erbe mitsamt der Ausstattung im Jahre 1956 dem Kanton St. Gallen. Die Burg, welche zum wertvollen Denkmälerbestand des Kantons St. Gallen gehört, wurde mit Unterstützung der Denkmalpflege umgenutzt und steht heute Besuchern mit einem abwechslungsreichen Programm zu Verfügung. Im nahe gelegenen Schlangenhaus befindet sich das Regionalmuseum.

Über die regelmässig stattfindenden Veranstaltungen, Workshops und Führungen informiert Sie die Seite www.schloss-werdensberg.ch. Der Verein Schloss Werdenberg arbeitet eng mit der Werdenberger Gemeinde, Stiftungen, Privatpersonen, dem Verein „Freunde Schloss Werdenberg“ und der Denkmalpflege des Kantons St. Gallen zusammen.

2014 blieb das Schloss wegen Umbauarbeiten die gesamte Saison über geschlossen. Während jetzt Schlossküche, Apotheke, Schlafstuben und Rittersaal wieder mit originalen Einrichtungsgegenständen besichtigt werden können, bieten die alljährlich stattfindenden Schloss-Festspiele einen ganz besonderen Augen- und Ohrenschmaus. Nach dem Umbau des Schlosses im vergangenen Jahr dürfen die Festspiele 2015 bereits ihr 30-jähriges Jubiläum feiern.

Die kleine Stadt Werdenberg ist aus verschiedener Sicht einmalig. Sie erhielt schon bald, nachdem die Burg erbaut worden war, das Markt- und Stadtrecht. Auffallend ist, dass die Stadtmauern aus dieser Zeit nie erweitert wurden. Anders als andere Städte wuchs der Ort nicht. Werdenberg wurde zudem nie von Kriegen heimgesucht und musste, was für die mittelalterliche Zeit selten ist, nie gegen eine Feuerbrunst kämpfen. Deshalb blieb das Stadtbild über die Jahrhunderte weitestgehend erhalten. Möchte man heute in diese schöne, idyllische Kleinststadt zügeln, kommt man wahrscheinlich nicht umhin, sich mit den denkmalpflegerischen Auflagen auseinanderzusetzen.


Strasse in Werdenberg (Bild: Berger, Wikimedia, GNU)

Strasse in Werdenberg (Bild: Berger, Wikimedia, GNU)


So fand ich bei meiner Recherche ein Inserat, in welchem ein reizvolles Einfamilienhaus und Liebhaberobjekt im historischen Ort Werdenberg angeboten wird. Wer sich den Traum vom Wohnen in diesen historischen Mauern erfüllt, muss bei eventuellen Umbauten den Denkmalschutz der Stiftung pro Werdenberg beachten. Das ist verständlich, die historische Stadtmauer bildet nämlich einen Teil der Fassade, und somit prägt das Gebäude das Stadtbild Werdenbergs mit.

Werdenberg ist ein Teil der Gemeinde Grabs. Rund 90 Einwohner leben in der malerischen, mittelalterlichen Holzsiedlung. In der Liste der geschützten Kulturgüter des Kantons sind Bauwerke aus Werdenberg reichlich vertreten. Das sogenannte Schlangenhaus möchte ich Ihnen näher vorstellen. Das Gebäude liegt am südwestlichen Rand des Städtleins.

Seine Grundmauern werden teilweise von der Stadtumfassung aus dem 13. Jahrhundert gebildet. Das Haus selbst stammt aus dem Jahre 1750. Jedoch ist die Kellerdecke von 1311 und im Obergeschoss lässt sich Bausubstanz aus dem 16. Jahrhundert finden. Seinen Namen „Schlangenhaus“ verdankt es der Dachuntersichtsmalerei, welche barocke Fabeltiere zeigt. Diese wurden 1965 entdeckt und wenig später rekonstruiert.


Schlangenhaus in Werdenberg (Bild: YviLee, Wikimedia, CC)

Schlangenhaus in Werdenberg (Bild: YviLee, Wikimedia, CC)


Das Haus ist im Besitz der Stiftung Regionalmuseum Schlangenhaus. Im letzten Jahrhundert ergab sich Anfang der 80er Jahre die Möglichkeit, den lang gehegten Wunsch nach einem Museum zu erfüllen. Die Stiftung setzte sich mit grossem Engagement dafür ein, dass die benötigten Gelder zum Erwerb des Hauses zusammenkamen.

Grosszügige Beiträge kamen nicht nur von den Gemeinden und der Denkmalpflege, sondern auch von privaten Spendern. Neben der Arbeit von Fachleuten stecken in dem Projekt auch unzählige ehrenamtliche Stunden Einsatz der Werdensberger Einwohner. Zu Recht war man stolz, als die erste Ausstellung im Sommer 1998 eröffnet werden konnte.

Um das Städtchen Werdenberg zusammen mit Schloss und Schlangenhaus als einmaliges Ensemble präsentieren und dabei die Interessen aller bewahren zu können, erarbeitete der Kanton 2011 ein neues Konzept. Einbezogen wurde neben der kantonalen Denkmalpflege auch die Stiftung des Regionalmuseums Werdenberg, welche zwar die Besitzerin des Schlangenhauses und seiner Exponate blieb, die Nutzung aber an den Verein Schloss Werdenberg abtrat. Seit Frühjahr 2014 lädt das Schlangenhaus zu einer neuen Dauerausstellung ein.



Werdenberg atmet Geschichte und jedes einzelne Gebäude wäre es wert, ausführlich erwähnt zu werden. Da dies nicht möglich ist, möchte ich abschliessend noch auf ein Heimatstilhaus in der Nachbarschaft des Schlosses näher eingehen:

Weinbauer und Bierbrauer Paravicin Hilty aus Buchs beauftragte 1906 den Vaduzer Burgenspezialist und Künstler Egon Rheinberger, ihm ein einmaliges Wohnhaus zu erbauen. Das Ergebnis der Bauarbeiten zieht bis heute alle Blicke auf sich: Das Haus fällt dank seiner aussergewöhnlichen Fassade auf und fügt sich harmonisch in seine Umgebung ein. Es ist eine Mischung aus Bauernhaus und Villa und zeigt klar die Anlehnung an den Burgenbau. Hier findet sich perfekte Heimatstil-Architektur.

Erstmals umfassend renoviert wurde das Haus rund 100 Jahre später, wobei grosser Wert darauf gelegt wurde, dass die Verbindung von Modernem und Historischem erhalten bleibt. Zum Grundstück gehören das kleine Rebhaus und der sich vom Werdenberger See in die Höhe ziehende Rebberg. Beide sind älter als das Wohnhaus, und bilden gemeinsam mit diesem ein Paradebeispiel für das Zusammenspiel von Landschaft und Baukultur.

 

Artikelbild: Schloss und Burgstädtchen Werdenberg im Schweizer Rheintal (© böhringer friedrich, Wikimedia, CC)

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