Die Einsamkeit der heiligen Verena

10.03.2016 |  Von  |  Denkmalpflege
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Die Einsamkeit der heiligen Verena
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Die Verenaschlucht bei Solothurn ist ein stiller Ort – zumindest meistens. Hier soll die heilige Verena gelebt haben, als sie vor rund 1700 Jahren über Italien in die Schweiz kam.

Ausserdem wohnte seit dem 15. Jahrhundert fast immer ein Einsiedler in der Schlucht – in einem Häuschen mit Blumengarten neben der St.-Verena-Kapelle. Doch nun ist die Eremitage verwaist: Die letzte Einsiedlerin hat gekündigt.

Ein Landschaftspark mit zwei alten Kapellen

Hinter der St. Niklaus-Kirche bei Solothurn liegt der Eingang zur Verenaschlucht, einem der bedeutendsten Landschaftsgärten der Schweiz. Der Weg durch die Schlucht ist ein bisschen wie eine Reise in die Vergangenheit: Zwischen den steilen Felswänden plätschert ein friedliches Bächlein dahin, alte Bäume raunen im Wind, die Geländer der kleinen Brücken sind aus Ästen gebaut. Autos fahren hier nicht, und die friedliche Schönheit der Natur stimmt auch Wanderer und Ausflügler eher andächtig als ausgelassen.

Angelegt wurde der Weg im Jahr 1791 von einem französischen Baron und Diplomaten namens Louis Auguste Le Tonnelier de Breteuil, den es im Zuge der französischen Revolution in diese einsame Gegend verschlagen hatte. Er floh aus Frankreich nach Solothurn und fand hier eine neue Lebensaufgabe: De Breteuil ist es zu verdanken, dass die wilde Verenaschlucht erschlossen und zu dem romantischen Landschaftspark umgestaltet wurde, der bis heute zu den schönsten Ausflugszielen des Landes gehört.

Am Ende der Schlucht und des idyllischen Wegen liegt die Eremitage der heiligen Verena. Zu ihr gehören eine Grotte mit Felsdach, das Einsiedlerhäuschen mit seinem Blumen- und Gemüsegarten und zwei alte Kapellen. Eine davon wurde in die ehemalige Wohnhöhle der wundertätigen Heiligen hineingebaut. Sie ist dem heiligen Martin gewidmet und steht als zweitältestes Bauwerk von Solothurn unter Denkmalschutz: Ihre ältesten Teile stammen aus dem 12. Jahrhundert. Das Haus des Eremiten liegt neben der St.-Verena-Kapelle, die sich malerisch an eine steile Felswand schmiegt und fast so aussieht, als wäre sie aus dem Stein herausgewachsen.


Die Kapelle Sankt Martin in der Verenaschlucht. (Bild: IqRS, Wikipedia, CC)

Die Kapelle Sankt Martin in der Verenaschlucht. (Bild: IqRS, Wikipedia, CC)


An die heilige Verena erinnert auch das Verenenloch, eine Wandhöhlung im Fels. Es geht die Sage, dass sich die Heilige bei einem Hochwasser in der Schlucht dort festgehalten habe. So konnte das Wasser sie nicht mitreissen, und der Fels rettete ihr Leben. Die Hand ins Verenenloch zu legen, soll Glück und Segen bringen, zum Beispiel bei unerfülltem Kinderwunsch. Ausserdem wird erzählt, man könne dabei durch die Höhlung ein Goldstück in die Hand empfangen.

Wer war die heilige Verena?

Die heilige Verena gehört zu den beliebtesten Heiligen der Schweiz. Ihr Gedenktag ist der 1. September, und bis heute werden viele Kinder nach ihr benannt. Laut der Legende kam sie ursprünglich aus Theben am oberen Nil und zog dann nach Unterägypten. Dort schloss sie sich der kurz zuvor gegründeten thebäischen Legion an und reiste mit deren Tross zuerst nach Mailand und dann nach Saint-Maurice im Wallis. Später kam sie nach Solothurn, das damals noch Salodurum hiess. Hier lebte sie, wie schon zuvor in Mailand, bei einem Eremiten – denn sie war eine Frau, die Einsamkeit und Gottesnähe mehr schätzte als den Trubel der Weltlichkeit.

In der Höhle in der später nach ihr benannten Schlucht verbrachte Verena, die nun schon über 40 Jahre alt war, ihre Tage mit Beten, Fasten und dem Singen von Psalmen. Sie lebte vom Verkauf ihrer Handwerkserzeugnisse, heilte Besessene und Blinde und unterwies die Menschen, die zu ihr kamen, in der christlichen Lehre. Der Sage nach wurden die Alamannen durch ihre Wundertaten zum Christentum bekehrt; getauft wurden sie schliesslich von einem Priester, der aus seinem Heimatland Italien verbannt worden war.

Angeblich bekam Verena in ihrer Einsiedelei nicht nur gelegentlich Gäste, sondern bald schon Gesellschaft von weiteren Jungfrauen, die ein ebenso gottgefälliges Leben führen wollten. Eines der Wunder, die Verena wirkte, war das mit den vierzig Mehlsäcken: Die tauchten einfach auf ihrer Schwelle auf, nachdem sie zu Gott um Brot und Hilfe gebetet hatte. Verena und ihre Jungfrauen assen davon, und danach wuchs aus ihren Zähnen immer neues Mehl hervor.

Verenas Ruf und ihre Wundertaten erregten auch die Aufmerksamkeit und Missgunst der Römer, die die geweihte Jungfrau schliesslich sogar verhaften liessen. Verena hatte Glück: Der römische Statthalter liess sie wieder frei, nachdem sie ihn von einem Fieber geheilt hatte. Doch ihre zunehmende Popularität verleitete sie dazu, ihre Klause heimlich zu verlassen. Verena floh vor dem Ruhm und den Bewunderern und wanderte entlang der Aare flussabwärts. Eine Zeitlang lebte sie auf einer Rheininsel, wo sie ebenfalls Kranke heilte. Ihre Wanderung endete in Bad Zurzach bzw. Tenedo, wo sie sich niederliess. Bis zu ihrem Lebensende gegen 320 n. Chr. kümmerte sie sich um Kranke und Arme.


Magdalenengrotte Verenaschlucht (Bild: ZorkNika, Wikimedia, CC)

Magdalenengrotte Verenaschlucht (Bild: ZorkNika, Wikimedia, CC)


Gedenktafeln unter freiem Himmel

Die romantische und geheimnisvolle Verenaschlucht zog immer wieder Künstler an, die dem zauberhaften Ort später Denkmäler in ihren Werken errichteten. Einer von ihnen war der Maler Carl Spitzweg, der die Schlucht auf seiner Reise durch die Schweiz besuchte. Im 19. Jahrhundert wurden ausserdem zahlreiche Gedenktafeln und Gedenksteine in der Schlucht errichtet, um die Namen und Taten von prominenten Solothurner Wohltätern, Gelehrten und anderen Vorbildcharakteren nach deren Tod zu verewigen.

Wer den Weg durch die Verenaschlucht nimmt, kommt an vielen Felsblöcken und Steintafeln mit Namen vorbei. Auch der von Baron de Breteuil gehört dazu. Manche würde vielleicht heute niemand mehr kennen, wenn sie hier nicht stünden – zum Beispiel „Pipo Kofmehl, Freund der Jugend“. Den prominentesten Platz in der Solothurner Freiluft-Ruhmeshalle hat Alfred Hartmann: An den Töpfergesellschaftsgründer und Herausgeber vom „Postheiri“ erinnert eine mächtige, nahe der Einsiedelei in die Felswand über der Arseniushöhle gehauene Inschrift. Sie stammt aus dem Jahr 1902, dem letzten Jahr, in dem solche Gedenktafeln in der Verenaschlucht angebracht wurden.



Eine Eremitage braucht einen Eremiten

Im Jahr 1442 wurde erstmals ein Einsiedler erwähnt, der sich in der Eremitage des heiligen Martin und der heiligen Verena niedergelassen hatte. Seither war das Häuschen neben der Kapelle fast durchgehend von einem Waldbruder oder Einsiedler bewohnt, für dessen Lebensunterhalt traditionell die Gemeinde Solothurn aufkommt. Der Eremit war stets ein Mann – bis 2009, als Solothurn die Stelle zum ersten Mal mit einer frommen Frau besetzte.

Die erste Einsiedlerin lebte bis 2014 in der Verenaschlucht. Als sie ihren Dienst aus Altersgründen aufgeben musste, schrieb die Gemeinde Solothurn ganz im Sinne der Neuzeit den freien Posten neu aus – und fand mit Hilfe ihrer Stellenanzeige eine Nachfolgerin. Doch die zweite Eremitin blieb nicht lange in der Verenaschlucht: Vor kurzem kündigte sie nach nur wenigen Monaten Dienstzeit. Laut Bekanntgabe seien ihre Interessen zu stark von denen der Bürgergemeinde abgewichen.

Wann die verwaiste Klause wieder einen Bewohner haben wird, steht momentan in den Sternen. Vorerst hat Solothurn die Stelle noch nicht wieder ausgeschrieben, und so ist die heilige Verena zur Zeit gewissermassen allein in ihrer Schlucht – abgesehen natürlich von ihren Gästen, den Ausflüglern. Doch wer sie kennt, der weiss, dass ihr das nichts ausmachen wird. Vielleicht vermisst sie ihren Eremiten – aber mit Gott, dem singendem Wasser, den raunenden Bäumen und den sprechenden Steinen ist sie Tag und Nacht in erlesener Gesellschaft.

 

Artikelbild: © Gestumblindi, Wikimedia, CC

Über Christine Praetorius

Christine Praetorius, Jahrgang 1971, spricht und schreibt über Neues, Altes, Schönes und Kurioses. Ich liebe Sprache und Musik als die grössten von Menschen für Menschen gemachten Freuden – und bleibe gerne länger wach, um ihnen noch etwas hinzuzufügen. Seit 2012 arbeite ich mit meinem Mann Christian als freie Texterin, Autorin und Lektorin.



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