Zürich feiert den 100. Geburtstag des Dada

25.02.2016 |  Von  |  Events, Kunst
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Zürich feiert den 100. Geburtstag des Dada
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Unter dem Motto „165 Tage Dada“ zelebriert Zürich eine Kunstform, die hier vor 100 Jahren geboren wurde.

Ob Dada inzwischen erwachsen geworden ist, lässt sich schwer feststellen: Die Kunst, die den Unsinn zum Sinn erhebt, hat bis heute nur Flausen im Kopf.

An einem Winterabend, im Geburtshaus des Dada…

Vor 100 Jahren, am 5. Februar 1916, wurde im neu eröffneten Cabaret Voltaire ein Mann vor das Publikum getragen. Selber gehen konnte er nicht, da er in einem albernen Bischofskostüm steckte, das zum grössten Teil aus Pappe bestand und so steif und sperrig war, dass es ihn fast zur Bewegungsunfähigkeit verdonnerte. Einmal auf der Bühne aufgerichtet, öffnete der Mann seinen Mund und sprach diese Worte: „Gadji beri bimba glandridi laula lonni cadori… gadjama gramma berida bimbala glandri galassassa laulitalomini…“


Plakat zur Eröffnung der Künstlerkneipe „Voltaire” (Bild: Marcel Słodki, Wikimedia, public domain)

Plakat zur Eröffnung der Künstlerkneipe „Voltaire” (Bild: Marcel Słodki, Wikimedia, public domain)


Der Mann auf der Bühne war Hugo Ball, und was er da vortrug, war eins der ersten öffentlich verlesenen Dada-Gedichte. Man könnte jetzt sagen, Ball habe irgendwelchen Unsinn geredet. Doch das stimmt nicht. Denn wenn gar nichts zu verstehen ist und es einfach nur irgendwie klingt, handelt es sich nicht um Unsinn, sondern um Lautmalerei. Und die steht über (oder neben) der Semantik und muss sich daher mit Sinnfragen nicht beschäftigen.

Das Publikum nahm es ausserdem locker: Das Gedicht war nicht die erste Absurdität an diesem Abend und sollte auch nicht die letzte sein. Zum Unterhaltungsprogramm gehörten unter anderem unbeholfene Klaviermusik, schiefe Rhythmen, polternd herumstampfende und sich gegenseitig überbrüllende Akteure, wüste Beschimpfungen, undurchschaubare Sketche und lärmige, unvorhersehbare Orchesterdarbietungen. Der Jubel war riesig. Alle waren begeistert. Aber was war eigentlich passiert?



Vorhang auf für den ernsten Hintergrund…

Im Jahr 1916 tobte der Erste Weltkrieg in Europa. Was rund zwei Jahre zuvor mit viel Enthusiasmus und Patriotismus begonnen hatte, war zu einem sinnlosen Blut- und Todesrausch geworden. Giftgasangriffe, Gemetzel, überall Menschenverachtung und Leid – eine schier unfassbare und nicht enden wollende Vernichtungsorgie. Und mittendrin die Schweiz, ein neutrales Land, fast wie eine Insel im Irrsinn.

Auf diese Insel retteten sich viele europäische Künstler – Maler und Bildhauer, Schriftsteller und Poeten, Tänzer und Musiker. Sie wollten nicht kämpfen, und sie konnten den Krieg auch nicht beenden. Doch sie wollten sich dagegen erheben und ihren Protest zum Ausdruck bringen – mit einer neuen Bewegung, die der aggressiven und zerstörerischen Sinnlosigkeit des Krieges einen wilden, ironischen und unblutig ausschweifenden Unsinn entgegenhielt.

Dada persiflierte die herrschende Hilflosigkeit – und erlaubte den Künstlern so auch eine Form von fröhlichem, überbordendem Aktivismus, die das Bittere und Groteske der damaligen Weltsituation nicht ausblenden musste, um sich voll zu entfalten. In der Spiegelgasse in Zürich wurde der Dadaismus geboren – von einer Künstlergruppe, die selbst gerade erst entstanden war und bei der ersten Veranstaltung bereits zur Bestform auflief.

„Was will uns der Künstler damit sagen?“

Wenn Kunst in der Schule gelehrt wird, gehen Schüler immer wieder – mehr oder weniger freiwillig – auf die Suche nach der Aussage. Selten reicht es aus, ein Kunstwerk aufgrund seiner Schönheit, Originalität, Verführungskraft, Bodenlosigkeit oder des interessanten Klangs attraktiv zu finden. Das kann doch wohl nicht alles sein! Da muss es doch eine tiefergehende Aussage geben, damit sich die hohe Lehre auch lohnt!

Wer will, kann natürlich spüren, dass der Dadaismus Fragen aufwirft. Diese Fragen werden jedoch selten klar formuliert und noch seltener beantwortet – und das betrifft sowohl die Künstler als auch ihre Werke. Hugo Ball wartete selbst mit einer grossartig klingenden Frage auf („Ist Dadaismus als Zeichen und Geste das Gegenspiel zum Bolschewismus?), gab jedoch keine Antwort darauf und erwartete wohl auch keine von irgendjemand anderem.



Zur dadaistischen Geisteshaltung gehörte und gehört einfach auch, sich weder festzulegen noch festlegen zu lassen. Aussage und Interpretation sind zwar nicht ausgeschlossen oder verboten, aber unbedingt nötig sind sie auch nicht. Dada ist damit auch eine Art von Befreiungsinitiative. Man schert sich einfach nicht um den vorgeblichen Zwang zur Interpretierbarkeit, die angebliche Notwendigkeit einer Aussage und alles, was Kunst so sein soll, können muss und bieten darf. Kunst kann auch einfach Freude machen, oder – noch besser formuliert – etwas kann doch einfach da sein.

Dada ist häufig auf den Moment ausgerichtet und steht zur allgemeinen Vergänglichkeit. Fragte man Gründer und Künstler, was genau Dadaismus sei und was er wolle, redeten die sich gern mit dem „grossen Dada“ raus: Der allein könne diese Frage beantworten, die Dadaisten könnten es nicht. Zu den bekanntesten Dada-Pionieren gehören neben Hugo Ball Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp, Tristan Tzara, Emmy Hennings, Marcel Janco und Richard Huelsenbeck. Ein Pissoir, das Marcel Duchamp im Jahr 1917 einfach hinlegte und unter dem Namen „Fontäne“ zum Kunstwerk erklärte, ist eins der bekanntesten dadaistischen Werke.


„Fontäne“ ist eins der bekanntesten dadaistischen Werke. (Bild: Stieglitz, Wikimedia, public domain)

„Fontäne“ ist eins der bekanntesten dadaistischen Werke. (Bild: Stieglitz, Wikimedia, public domain)


Dada… dadamals und heute

Wer wissen möchte, wie Dada heute ausgelebt werden kann, hat bestimmt viel Freude an der Kunst von Roman Signer. Der ist zwar nicht explizit Dadaist, kann jedoch eine gewisse Nähe zum gepflegten Unfug nicht verleugnen. Mit ausgefallenen Ideen, trockenem Humor und manchmal echtem Sprengstoff schafft der gebürtige Appenzeller Werke, bei denen es ausreicht, dass sie einfach da sind. So legte er im Jahr 1989 eine Zündschnur von Appenzell nach St. Gallen und zündete sie an. Sie brannte einen Monat lang, doch sie war dabei nicht allein: Signer begleitete treu die brennende Stelle und leistete ihr rund um die Uhr Gesellschaft.

Trotz oder gerade wegen der Unbeantwortbarkeit seiner Sinnfrage hat der Dadaismus einiges bewirkt. Er hat Grenzen gesprengt, ohne Schlachten dafür schlagen zu müssen. Er hat erschreckt, ohne Furcht zu erregen. Er hat Altes aus dem Weg geräumt, ohne es zu vernichten. Und er hat Platz für Neues geschaffen, ohne damit eine Herrschaft errichten oder Angestammtes vertreiben zu wollen. Das ist auf jeden Fall ein Grund zum Feiern – auch für die, die mit dadaistischer Kunst wenig anfangen können.

165 Tage höherer Unsinn in Zürich

Das hundertjährige Dada-Jubiläum wird im Jahr 2016 mit verschiedenen Veranstaltungen in Zürich gefeiert. Es wird Partys, Lesungen, Ausstellungen und Kostümfeiern geben, und der Rest der Welt feiert mit. Auch in Düsseldorf, Amsterdam, Paris und Stade wird der 100. Geburtstag des höheren Unsinns Gegenstand vieler Feste und Zusammenkünfte sein.

Wer Dada will, muss also jetzt nach Zürich – ins Cabaret Voltaire, ins Kunsthaus, ins Museum Rietberg, ins Landesmuseum, ins Tanzhaus oder irgendwo anders hin, wo gefeiert wird. 165 Tage „zur Wiederaufführung einer Legende und zum Ausleben der Obsession“ sind geplant, und diese Zahl ist kein Zufall: Der Verein dada100Zürich2016 hat 165 Dadaisten ausgesucht und zu den Paten dieser Feiertage erhoben. Auch bei den Zürcher Festspielen und der Biennale für zeitgenössische Kunst, die im Juni startet, wird Dada ein Jubelthema sein.

 

Artikelbild: Johannes Baargeld, 1920. Tusche, Feder, Montage, „Das menschliche Auge und ein Fisch“. (Wikimedia, public domain)

Über Christine Praetorius

Christine Praetorius, Jahrgang 1971, spricht und schreibt über Neues, Altes, Schönes und Kurioses. Ich liebe Sprache und Musik als die grössten von Menschen für Menschen gemachten Freuden – und bleibe gerne länger wach, um ihnen noch etwas hinzuzufügen. Seit 2012 arbeite ich mit meinem Mann Christian als freie Texterin, Autorin und Lektorin.



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