Eine Wiese als Nationaldenkmal: Das Rütli

04.08.2014 |  Von  |  Allgemein, Denkmalpflege
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Eine Wiese als Nationaldenkmal: Das Rütli
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Grüezi! In diesem Bericht geht es weder um die Denkmalpflege noch um ein Baudenkmal, auch nicht um eine Sehenswürdigkeit im herkömmlichen Sinne, sondern um eine Wiese in der Urner Gemeinde Seelisberg am Westufer des Urnersees: das Rütli. Für die Schweizer gilt dieses, etwa fünf Hektar grosse Areal als die „Wiege der Schweiz“.

Happy Birthday Switzerland: Diese Glückwünsche können wir aktuell in allen Medien hören, sehen und lesen. Doch was hat es mit dem Rütli auf sich und wie wird die berühmte Wiese heute genutzt?



700 oder 800 Jahre vereinigtes Switzerland?

Der Urnersee im Kanton Uri ist ein Arm des Vierwaldstättersees. Der Zugang zum Rütli (frei übersetzt „kleine Rodung“) ist von der Landseite her recht mühsam, lässt sich aber über eine Anlegestelle gut mit dem Boot erreichen. Auf der Wiese befinden sich ein Gasthaus mit einer kleinen Ausstellung zur Geschichte des Rütli, eine Picknickwiese und der Dreiländerbrunnen. Der Legende nach wurde auf der Wiese im Jahr 1307, am 8. November, dem Mittwoch vor Martini, das Bündnis der drei Urkantone Schwyz, Uri und Unterwalden geschlossen. Mit diesem sogenannten Rütlischwur wurde demnach die Schweiz begründet.

Interpretation des Rütli-Schwurs, Öl auf Leinwand, Johann Renggli, 1891 (Bild: Wikimedia)

Interpretation des Rütli-Schwurs, Öl auf Leinwand, Johann Renggli, 1891 (Bild: Wikimedia)

Das Datum selbst ist umstritten und wurde willkürlich festgesetzt, einerseits vom Geschichtsschreiber Aegidius Tschudi, andererseits von den Berner Bürgern, die das Bündnis auf 1291 vorverlegten, weil sie 1891 die 700-Jahrfeier der Stadt Bern zeitgleich mit der Gründung der Schweiz begehen wollten. Seit 1994 ist jedoch der 1. August schweizweit als arbeitsfreier Nationalfeiertag festgelegt und das Gründungsjahr lautet wieder 1307. Damit wird die Schweiz im Jahr 2014 stolze 807 Jahre alt, ob ursprünglich im November oder doch im August, ist den Schweizern inzwischen ziemlich egal, weil es ohnehin niemand nachprüfen kann.





Die Wiege der Schweiz (Bild: Joujou  / pixelio.de)

Die Wiege der Schweiz (Bild: Joujou / pixelio.de)

Ein Amerikaner macht sich auf dem Rütli breit?



Von Seelisberg hat man einen schönen Blick auf das Rütli, das sich alljährlich in eine Festwiese verwandelt. Der diesjährige 1. August ist der letzte, bei dem der Rütlischwur auf althergebrachte Weise gefeiert wird. Das Gasthaus unterhalb der Schwurwiese wird von den bisherigen Pächtern, dem Ehepaar Eduard und Elsbeth Truttmann, nur noch bis zum Jahresende geführt. Dann tritt der Hausherr in den wohlverdienten Ruhestand. Sein Nachfolger wird der 35jährige Schweiz-Amerikaner Mike McCardell, der grosse Pläne mit dem Nationaldenkmal Rütli hat. Ein Amerikaner übernimmt das Rütli!

Kann das gut gehen? Nun ja, McCardell übernimmt ja nur die Führung des Restaurants auf der Schwurwiese und ist ausserdem nur zur Hälfte Amerikaner, die andere Hälfte hat Schweizer Wurzeln. Die Wiese selbst bleibt weiterhin Eigentum des Kantons Uri unter Schirmherrschaft einer Stiftung. Die Schweizer Kabarettisten Viktor Giacobbo und Mike Müller machten sich in ihrer Sendung über die Okkupation des Schweizer Nationalguts durch die Amerikaner lustig und prophezeiten, dass es bald nur noch Pommes auf dem Rütli zu essen gäbe. Auch viele Eidgenossen taten empört und betitelten den zukünftigen Pächter wegen seiner doppelten Staatsbürgerschaft als „Doppelburger“.

Rütlihaus auf der Rütliwiese (Bild: WES1947, WIkimedia, CC)

Rütlihaus auf der Rütliwiese (Bild: WES1947, WIkimedia, CC)

Entwarnung am Rütli: Keine Pommes mit Ketchup



Die Ablösung wird nicht ganz so schlimm wie von den Schweizer Bürgern befürchtet. Der Gasthof behält seinen Namen und die Einigkeit wird auch nicht gefährdet. Schliesslich beinhaltet doch der Rütlischwur das stärkste Motiv der Schweizer Einheit: „Drei Männer verschiedener Herkunft, verschiedenen Alters und mit verschiedenen Motivationen finden gleichberechtigt ein gemeinsamen Ziel.“ Mike McCardell ist nur EIN Mann, aber er hat sich über die Dreieinigkeit bestens informiert. Zudem wird er von seinem jüngeren Bruder Brian in der Administration unterstützt, der auch das neue Konzept erarbeitet hat.

Neues Konzept? Was ist denn an dem alten verkehrt? Das Gasthaus am Rütli soll ein neues, frisch-freches, aber dennoch traditionelles Gesicht erhalten, wie Mike McCardell im breitesten Obwaldner Dialekt gern erklärt. Der gelernte Koch stammt nämlich von hier und ist in der Innerschweiz aufgewachsen. Das Restaurant soll künftig auch am Abend geöffnet sein. Regionale Gerichte und Zutaten werden bevorzugt und ein paar kuturelle Höhepunkte sind ebenfalls auf dem traditionsreichen Grundstück geplant. Das Konzept hat die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) überzeugt. Somit sitzen doch wieder DREI in einem Boot: die beiden McCardells und die SGG.

Das Rütli als modernes Schweizer Nationaldenkmal

Mike McCardell und sein Bruder bringen reichlich Erfahrung mit. Beide betreiben eine Catering- und Event-Firma und helfen auf dem elterlichen Bauernhof aus. Dieser befindet sich Nähe der Alp Älggi, dem absoluten geografischen Zentrum der Schweiz. Vier der dort weidenden Hochlandrinder (ok, die Hornviecher kommen aus Schottland) sollen demnächst auf der Schwurwiese am Dreiländerbrunnen stehen. Frischer Wind kann nicht schaden. Neben vielen innovativen Ideen für mehr Gastfreundlichkeit auf dem Rütli, sollen bald auch Gäste übernachten und historisches Flair atmen dürfen – und zwar in einem Stroh-Hotel. Na, wenn das nicht dem Schweizer Nationalstolz schmeichelt!



 

Oberstes Bild: Rütliwiese von Brunnen aus (© MatthiasKabel, Wikimedia, GNU)

Über Claudia Göpel

Als gelernte Zahntechnikerin schreibe ich exzellent recherchierte Texte rund um die Themen Zahnmedizin, Allgemeinmedizin, Geriatrie und Gesundheit.

Sie profitieren mit mir als Auftragstexterin zudem von einem reichen Erfahrungsschatz in den Berufsbereichen Gastronomie, Kultur und Recht. Blog- und Fachartikel über Kinder, Tiere (Hunde, Katzen, Vögel, Fische, Reptilien, Kleinsäuger, Vogelspinnen), Pflanzen, Mode, Möbel und Denkmalschutz schreibe ich ebenfalls mit Begeisterung und reichlich Hintergrundwissen.

Zum Ausgleich verfasse ich in meiner Freizeit Kriminalstorys sowie erotische Kurzgeschichten, die unter dem Pseudonym Anastasia in zahlreichen Büchern und Erotik-Magazinen veröffentlicht sind. Ausserdem bin ich seit vielen Jahren ehrenamtlich als Klinikclown für kranke Kinder in deutschen Krankenhäusern und Hospizen aktiv.



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