Historisches am Lac de Neuchâtel

04.06.2015 |  Von  |  Denkmalpflege
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Historisches am Lac de Neuchâtel
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Die Region am Neuenburgersee ist reich an geschichtsträchtigen Orten und Bauwerken. Einige davon möchte ich Ihnen in diesem Artikel vorstellen. Allerdings musste ich bei der enormen Anzahl an denkmal- und heimatgeschützten Objekten eine Auswahl treffen und entschied mich daher, über die Geschichte der Dörfer Hauterive, Grandson und Concise zu berichten. Alle drei verfügen über einzigartige Zeitzeugen, weshalb sie in unserem Blog nicht fehlen sollten!

Wie aus uralten Aufzeichnungen hervorgeht, wurden die Seen im Jura, so auch der Lac de Neuchâtel (Neuenburgersee), schon vor Tausenden von Jahren für Transporte genutzt. Zwar kannte man noch keine Schiffe, aber Baumstämme, ausgehöhlt und ausgebrannt, erfüllten den Zweck ebenso. In Hauterive, in der Nähe von Neuchâtel, können Sie originalgetreue Nachbildungen dieser Transportmittel bestaunen.

Die politische Gemeinde Hauterive, zu Deutsch Altenryf, entstand 2001 durch die Fusion von Ecuvillens und Posieux. Das Gebiet dieser noch jungen Gemeinde war schon zu jener Zeit bewohnt, als noch Felsvorsprünge und Höhlen als Unterkunft dienten. Von diesen gibt es in der Region recht viele. Châtillon-sur-Glâne galt schon in der Hallstattzeit als wichtiger Handelsplatz, wovon diverse Funde zeugen. Die Hallstattzeit ist die Epoche von ungefähr 800 bis 450 vor Christus, auch als ältere vorrömische Eisenzeit bekannt. Weitere gefundene Objekte stammen aus der Römerzeit.

Das Kloster Hauterive

Im 11. Jahrhundert herrschten die Herren von Glâne in dieser Gegend. Ihre Burg befand sich vermutlich auf der Halbinsel La Vuerda, oberhalb von Glâne. Um zu verhindern, dass ihr Besitz an die Zähringer fiel, gründeten sie etwa Mitte des 12. Jahrhunderts das Kloster Hauterive (Auszeit im Kloster). Der Bischof von Lausanne weihte es im Februar 1138 als Abbatia Sancte Marie de Altaripa. Dies wurde von Papst Innozenz II. 1142 bestätigt. Nicht nur die Herzöge von Zähringen, unter deren Schutz das Kloster ab 1157 stand, sondern auch adlige Familien sowie der Bischof von Lausanne liessen ihm beachtliche Schenkungen zukommen. Dazu kamen Zehntrechte und Grundbesitz, der sich über eine weite Region erstreckte. Somit erlangte das Kloster Hauterive einen beträchtlichen Reichtum und stand im 13. und 14. Jahrhundert in seiner Blütezeit.


Abtei Altenryf in Hauterive (Bild: Chriusha (Хрюша), Wikimedia, CC)

Abtei Altenryf in Hauterive (Bild: Chriusha (Хрюша), Wikimedia, CC)


Wie so oft waren es Kriege, die dem Wohlstand ein Ende setzten: Bereits im Sempacherkrieg kam es 1387 zu Plünderungen. Weitere Einbussen erlebte das Kloster 1448 im Krieg gegen Savoyen. Es gelangte ab 1452 unter die Lehnschaft von Freiburg. Die Freiburger reorganisierten es und Anfang des 17. Jahrhunderts gehörte es zur oberdeutschen Zisterzienserkongregation. So wurde der Bund Schweizer, süddeutscher und elsässischer Zisterienserabteien genannt. Kantonale Behörden lösten das Kloster 1848 auf, und fortan beherbergten die Klostermauern ein Lehrerseminar, bis 1939 wieder Mönche einzogen. Sie errichteten 1973 eine neue Abtei.

Wer sich für Architektur des Mittelalters und der frühen Neuzeit interessiert, wird Freude an der Klosterkirche Notre-Dame-de-l’Assomption haben. Ihr Bau begann 1150 und dauerte zehn Jahre lang. Der romanischen Kirche wurden bei einem Umbau im 14. Jahrhundert gotische Stilelemente zugefügt, so bekam das Gotteshaus beispielsweise die für diese Epoche typischen farbigen Kirchenfenster. Sehenswert sind ausserdem das Chorgestühl aus dem 15. Jahrhundert und der romanische Kreuzgang, der aus dem 12. und 14. Jahrhundert stammt. Aber auch heute noch wird Geschichte geschrieben: Im November 2011 wurde durch Weihbischof Pierre Farine feierlich eine neue Orgel mit ca. 30 Registern eingeweiht.



Einst besass Hauterive sogar zwei Orgeln, die jedoch aus denkmalpflegerischen Gründen in den 50er-Jahren entfernt werden mussten. Ein kleineres Instrument, das 1956 stattdessen eingesetzt wurde, konnte das ehemalige, als kunsthistorisch bedeutsam eingeschätzte Instrument nicht ersetzen. Die Orgelbaufirma Kuhn im Zürcher Männedorf schuf ein neues Meisterwerk der Orgelbaukunst, welches sich dank grosszügiger Spender nun im linken Querschiff befindet.


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Die Festung Grandson

Das mittelalterliche Städtchen Grandson liegt am Ufer des Neuenburgersees. Es wurde 993 erstmals urkundlich erwähnt. Einst war hier der Stammsitz der mächtigen Herren von Grandson, die den Bau des prachtvollen gleichnamigen Schlosses Mitte des 11. Jahrhunderts veranlassten. Dieses thront über dem See und gilt als eines der schönsten mittelalterlichen Bauwerke der Schweiz. Der erste Besitzer war Adalbert II. von Grandson, später, ab 1277, baute es der wohlhabende Freiherr der alten Waadt, Othon I. von Grandson, umfangreich aus. Die Architektur lässt Rückschlüsse auf die guten Beziehungen mit dem Hause der Savoyer sowie den Engländern zu.

Sämtliche Dächer des Schlosses und ein beträchtlicher Teil der Umgebung fielen 1397 einem grossen Brand zum Opfer. Die nun notwendigen Reparaturen waren für mehrere Jahrzehnte die letzten Bauarbeiten. In den Jahren 1474/75 wurde das Schloss Grandson von den Herren von Chalon, mit Unterstützung Karls des Kühnen, zu einer Festung gegen die Eidgenossen umgebaut. Trotzdem schafften diese es, sie einzunehmen, und gaben ihre Besetzung erst Ende Februar 1476 aufgrund der Belagerung durch die Truppen Karls des Kühnen auf. Was daraufhin folgte, war grausam: Von 412 Männern überlebten gerade mal zwei.


Die Festung Grandson (Bild: Twen, Wikimedia, CC)

Die Festung Grandson (Bild: Twen, Wikimedia, CC)


Beneidenswert waren diese beiden jedoch nicht: Sie mussten nämlich die Strafe vollziehen und ihre Kameraden ersäufen und erhängen. Sie blieben vor der Hinrichtung verschont. Die Rache der Schweizer liess nicht lange auf sich warten: Schon am 2. März griffen sie die Burgunder an und überwältigten sie. Die Niederlage der Truppen Karls des Kühnen ging als die berühmte Schlacht bei Grandson in die Geschichte ein. Das Schloss fiel mitsamt einer beachtlichen Beute den Schweizern in die Hände.

Bis 1798 wurde es von Freiburger und Berner Vögten bewohnt, die hier ihren Hauptsitz hatten. Anfang des 19. Jahrhunderts beherbergte es eine Tabakfabrik und war von 1835 bis 1875 in Privatbesitz der Familie Perret. Diese verkauften das Schloss an Baron Gustave de Blonay, der es mit seinem Sohn Godefrey renovierte und umbaute. Als nächster Besitzer erwarb 1956 Georges Filipinetti aus Genf das Anwesen und beauftragte den Architekten Herbert von Canoba mit der Gestaltung des Renaissance-Zimmers und der Kapelle. Ausserdem wurden Verliess und Folterkammer wieder zugänglich gemacht.

Filipinetti war es zu verdanken, dass das Schloss Grandson seine Tore für die Bevölkerung öffnete. So können heute in dieser mächtigen Festung alte Schlachtmodelle und Waffen besichtigt werden. Eine besondere Attraktivität stellt das Automobilmuseum dar. Das Highlight dieser Sammlung ist ganz sicher der weisse Rolls-Royce von Greta Garbo.

Zwischenzeitlich war das Schloss allerdings für das Publikum geschlossen, da die Gelder für den Betrieb fehlten. Dank der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte, die am 1. August 1983 das Schloss erwarb, der Beteiligung der Eidgenossenschaft, der Denkmalpflege des Kantons Waadt und der Gemeinde Grandson können wir heute dieses prächtige mittelalterliche Bauwerk wieder besuchen. Neben der bereits genannten Stiftung setzt sich die Stiftung Schloss Grandson für den Unterhalt ein.



Grandson – ein malerischer, mittelalterlicher Ort

Über Treppen und durch kleine Gassen und Durchgänge gelangt man zum Ortskern von Grandson. Hier fallen die wunderschönen mittelalterlichen Bürgerhäuser auf. Die Pfarrkirche St-Jean-Baptiste gilt als eine der schönsten der Region und wurde als Denkmal von nationaler Bedeutung eingestuft. Erbaut wurde sie im 12. Jahrhundert, anschliessend war sie der damaligen Benediktinerkongregation La Chaise-Dieu unterstellt. Als historisches Bauerbe steht sie bereits seit 1990 unter Denkmalschutz.

Die letzte Restauration führte man nach denkmalpflegerischen Richtlinien und mit der Unterstützung des Kantons 1999 bis 2006 durch.

Die Pfarrkirche St-Jean-Baptiste kann täglich von 9 bis 18 Uhr besichtigt werden, auf Anfrage werden Führungen angeboten. Vor ein paar Jahren bekam ich im Schloss-Café einen Prospekt, der einen rund vier Kilometer langen Rundweg ausführlich beschrieb. Sollte jener noch erhältlich sein, kann ich ihn für einen Besuch Grandsons sehr empfehlen.


Die Pfarrkirche St-Jean-Baptiste in Grandson (Bild: Archipat, Wikimedia, CC)

Die Pfarrkirche St-Jean-Baptiste in Grandson (Bild: Archipat, Wikimedia, CC)


Denkmalpflege in Concise, einem typischen Waadtländer Wein- und Bauerndorf

Als Mitte des 19. Jahrhunderts die erste Eisenbahnstrecke entlang des Seeufers gebaut wurde, entdeckte man zahlreiche Funde aus dem Neolithikum und der Bronzezeit. Archäologen schlossen daraus, dass die Region schon um ca. 3850 bis 1050 vor Christus besiedelt war. Von 1990 bis 2000 wurde das Grossprojekt „Bahn 2000“ realisiert und die kantonale Denkmalpflege war natürlich vor Ort: 30 Fundstellen wurden neu entdeckt. Sie zeugen davon, dass die Region um Concise die vielleicht bedeutendste Pfahlbausiedlung im gesamten Raum nördlich der Alpen barg.

Concise wurde, damals noch als Concisa, bereits 1179 urkundlich erwähnt. Der Name bedeutet so viel wie gefällter Wald oder gefällter Baum. Im Mittelalter herrschten in Concise die Herren von Grandson. Ein Denkmal erinnert heute an die Schlacht bei Grandson, die nördlich des Dorfes ausgefochten wurde. Wie bereits erwähnt, musste Karl der Kühne in diesem Kampf eine Niederlage einstecken. Mit dem Sieg der Eidgenossen wurde ein wichtiges Stück Schweizer Geschichte geschrieben; hätten die Schweizer nämlich verloren, wären sie ein Teil des Burgunderreiches geworden!


Concise – typisches Waadtländer Wein- und Bauerndorf (Bild: Yesuitus2001, Wikimedia, CC)

Concise – typisches Waadtländer Wein- und Bauerndorf (Bild: Yesuitus2001, Wikimedia, CC)


Die mittelalterliche Kirche von Concise, Saint-Jean-Baptiste, gehört zu den geschützten Kulturgütern von kantonaler Bedeutung. Ihr Alter wird auf über 900 Jahre geschätzt. Neben dem Glockenturm stammt auch die Apsis aus dieser Zeit. Gotische Elemente lassen darauf schliessen, dass die Kirche im 15. und 16. Jahrhundert erweitert oder umgebaut wurde. In der Folgezeit gab es mehrere Unterhaltsarbeiten und 1738 kam ein neues Pfarrhaus hinzu.

Bei einem Bummel durch den Ort lassen sich noch einige interessante Häuser aus der Neuzeit entdecken. Besonders sehenswert sind jene im Ortsteil La Rive, die aus dem 15. Jahrhundert stammen.


Saint-Jean-Baptiste – die mittelalterliche Kirche von Concise. (Bild: Pierre Bona, Wikimedia, GNU)

Saint-Jean-Baptiste – die mittelalterliche Kirche von Concise. (Bild: Pierre Bona, Wikimedia, GNU)


Abschliessend möchte ich noch ein Flächendenkmal nördlich von Concise erwähnen: In der Nähe des Seeufers wurde ein römischer Steinbruch entdeckt, der inzwischen auch als Kulturgut von nationaler Bedeutung gilt. Er ist in Mitteleuropa einer der bedeutendsten Zeitzeugen gallo-römischer Steingewinnung. Der hier abgebaute Kalkstein wurde in der Antike für Bauten in der Region verwendet. Ein Beispiel ist das, natürlich ebenfalls unter nationalem Schutz stehende, Amphitheater in Avenches, der einst bedeutendsten Schweizer Stadt entlang der römischen „Schnellstrasse“, die nach Augusta Raurica und weiter bis Germanien führte.

Dieser Ausflug in die Antike, das Mittelalter und die Neuzeit am Lac de Neuchâtel konnte nur einige der vielen Sehenswürdigkeiten für Geschichtsinteressierte beschreiben. Die gesamte Region bildet eine Fundgrube für Heimat- und Denkmalschutz!

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Oberstes Bild: © ventdusud – shutterstock.com

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