Typische Tessiner Dörfer – Hier gibt es für Heimatschutz und Denkmalpflege viel zu tun!

05.01.2015 |  Von  |  Allgemein, Denkmalpflege
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Typische Tessiner Dörfer – Hier gibt es für Heimatschutz und Denkmalpflege viel zu tun!
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Malerische Dörfer lassen im Tessin die Hektik des Nordens vergessen, halten die Zeit an und überraschen mit traditionsreicher Kultur, engen Gassen und interessanten, teils uralten, Bauwerken. Einige Dörfli entdeckte ich auf Wanderungen zufällig, vergass die Namen, sofern ich die überhaupt irgendwo las, gleich wieder, andere liessen mich gar nicht mehr los und zogen mich später in die Bibliothek oder das Internet. Mal fand ich mehr heraus, mal weniger.
Unterwegs im Tessin trifft man immer wieder auf alte Gemäuer, die dem Zerfall preisgegeben wurden, aber auch auf wundervoll restaurierte Häuser, Kirchen und Brücken.

In diesem Artikel möchte ich Sie in einige Tessiner Dörfer entführen, welche für Sie, die Sie sich für die Geschichte unseres Landes interessieren, bestimmt spannend sein werden. Wenn Sie daraufhin Lust bekommen, selbst mal wieder in die Sonnenstube der Schweiz zu reisen und die zum grossen Teil geschützten Orte selbst besuchen möchten, nehmen Sie viel Zeit mit! Die Stress der Städte im Norden ist in den kleinen Dörfern im Süden unbekannt.



Der Hauptort des Maggiatals: Cevio

Allein im Vallemaggia gibt es so viel zu entdecken, dass ein Tag kaum ausreicht. Cevio, der Hauptort der Region, blickt auf eine grossartige Zeit zurück: Hier residierten zwischen 1513 und 1798 die eidgenössischen Landvögte. Der Ort war früher das Verwaltungszentrum und in der Casa Pretorio, an einer prächtigen Piazza gelegen, befand sich das Gericht. Die Fassade ist bis heute mit den Wappen der Landvögte verziert. Die sehenswerten Patrizierhäuser liess die einst bedeutendste Familie des Tales erbauen: die Familie Franzoni. In einem dieser Häuser befindet sich das Museo Valmaggese. Eine pittoreske Steinbogenbrücke überquert die Rovana und hier liegt die Wallfahrtskirche Santa Maria del Ponte aus dem Jahre 1615. Aufgrund ihrer speziellen Fresken und Stuckaturen aus der Barockzeit sollte man sich einen Besuch nicht entgehen lassen.

Nicht nur das Gemeindehaus Pretorio und die Wallfahrtskirche zählen zu den geschützten Kulturgütern des Ortes. Die Liste ist, gemessen an der Grösse von Cevio, lang. So zählen beispielsweise auch die Brücke über die Maggia, ein alter Kornspeicher und die Pfarrkirche dazu.
Ein ganz besonderes Schmuckstück ist Boschetto: Eine kleine Siedlung, welche sich seit dem 16. Jahrhundert kaum verändert zu haben scheint. Besucher werden sofort von den malerischen Steinbauten verzaubert. Das gesamte Dörfli unterliegt strengstem Denkmalschutz!

Das Gemeindehaus Pretorio in Cevio (Bild: Tinelot Wittermans, Wikimedia, CC)

Das Gemeindehaus Pretorio in Cevio (Bild: Tinelot Wittermans, Wikimedia, CC)




Das Künstlerdorf Carona



Künstler haben das 1000-jährige Dorf erbaut und geprägt. In den stark verwinkelten Gassen lassen sich überall ihre Spuren, besonders aus dem 15. und 16. Jahrhundert, entdecken. Hier lebten einst Maler, Architekten und Bildhauer. Neben der Pfarrkirche San Salvatore beginnt der „Weg der 6 Kirchen“, der zu verschiedenen sehenswerten Kirchen und Kapellen führt. Wer mehr darüber und über andere Bauwerke sowie Caronas Künstler, erfahren möchte, kann direkt vor Ort oder beim Verkehrsverein Carona einen Kunstführer erwerben (Email: info@procarona.ch). Das Buch heisst „Carona – seine Künstler, seine Kunstdenkmäler“.

Kirche Santi Giorgio und Andrea in Carona (Bild: Cassinam, Wikimedia, CC)

Kirche Santi Giorgio und Andrea in Carona (Bild: Cassinam, Wikimedia, CC)

Carona war übrigens die Wahlheimat von Hermann Hesse. Er lebte 43 Jahre im Ort und hier entstanden grossartige Romane wie „Sidhhartha“, „Der Steppenwolf“ oder „Das Glasperlenspiel“. Schon Hesse beklagte damals die bauliche Verunstaltung des Tessins und tatsächlich wird in kaum einem anderen Kanton so nachlässig mit dem architektonischen Erbe umgegangen, wie hier. Ein Beispiel für unglaubliche Baupläne lesen Sie im Folgenden:

Das idyllische ehemalige Fischerdorf Gandria

Wie Schwalbennester kleben die Steinhäuser am Hang, zusammen mit Palmen, Oleander, Zypressen und Olivenbäumen bilden sie die perfekte Idylle für erholsame Ferien. Früher war Gandria ein Ort der Fischer und Schmuggler. Wer die verwinkelten Treppenwege emporsteigt, meint, die Zeit sei stehen geblieben. Kaum vorstellbar, dass hier tatsächlich ein Immobilienprojekt geplant war, welches eine Überbauung des Bilderbuchdorfes vorsah! Eine Bürgerbewegung schloss sich zusammen, um derartige Bausünden zu verhindern. Gandria, das als das malerischste Tessiner Dorf bezeichnet wird, steht unter Heimatschutz.

Blick auf Gandria vom Luganersee (Bild: Franck Arciuolo, Wikimedia, CC)

Blick auf Gandria vom Luganersee (Bild: Franck Arciuolo, Wikimedia, CC)

Indemini, italienisches Flair in einem romantischen Steindorf



In Indemini wähnt man sich am Ende der Welt, oder wenigstens dem der Schweiz. Dicht gedrängt stehen die Natursteinhäuser an einem Hang, erreichbar durch tunnelähnliche, enge Gassen, in welche kaum ein Sonnenstrahl dringt. Indemini fand bereits 1213 Erwähnung. Aus diesem Jahr stammt möglicherweise seine Bergkirche San Bartolomeo. Allerdings wird vermutet, dass diese noch wesentlich älter sei. Seit 1400 gilt die kleine Bergsiedlung als Gemeinde. Ich konnte nicht herausfinden, ob Indemini als gesamter Ort unter Schutz steht. Wer durch das Netz von Gässchen bummelt, wünscht sich jedenfalls, dass Indemini mit seinen typischen Häusern noch sehr lange bewahrt wird!

Indemini – italienisches Flair in einem romantischen Steindorf (Bild: Gerda Speelziek-Abou Shanab / Shutterstock.com)

Indemini – italienisches Flair in einem romantischen Steindorf (Bild: Gerda Speelziek-Abou Shanab / Shutterstock.com)

Corippo, die kleinste Gemeinde der Schweiz

Gerade mal 12 Einwohner zählt das autofreie Bergdorf Corippo. Sein Dorfkern wurde als beispielshaft ausgezeichnet und steht seit 1975 wegen seiner schönen, einheitlichen Architektur unter Denkmalschutz. War der Zugang zum Ort früher nur mühsam über Saumpfade möglich, wurde das Dorf 1883 durch eine Strasse erschlossen. Zwischen den verwinkelten Steinhäusern ist allerdings für Autos kein Platz.

Zu den Sehenswürdigkeiten von Corippo gehören das Oratorium Madonna delle Grazie, die Betkapelle della Crosetta und die Pfarrkirche Santa Maria del Carmine.

Abseits der Städte und Strassen finden sich im Tessin immer wieder zerfallene ehemalige Alphütten und kleine „Geisterdörfer“. Mitunter sind diese aber auch liebevoll renoviert worden und dienen nun als Ferienhäuser. Kleine Dörfli, in denen vor allem noch alte Menschen leben, sind selten mit eigenen Webseiten vertreten und werden, wenn überhaupt, in Wander- und Reiseführern nur kurz erwähnt. Da ich nicht italienisch spreche, kann ich unterwegs leider nicht genügend mit Einheimischen reden und Fragen nicht stellen. Trotzdem hoffe ich, dass die Informationen, welche ich hier zusammengetragen habe, für Sie interessant sind und Ihnen vielleicht sogar Lust machen, selbst wieder einmal alte Tessiner Dörfer zu besuchen.



 

Oberstes Bild: Corippo – die kleinste Gemeinde der Schweiz. (© Stefano Ember / Shutterstock.com)

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