Die St. Ursenkathedrale in Solothurn – neuer Glanz nach Brandanschlag und Restauration

06.06.2014 |  Von  |  Allgemein, Denkmalpflege
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Die St. Ursenkathedrale in Solothurn – neuer Glanz nach Brandanschlag und Restauration
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Solothurn gilt für viele Menschen als die schönste Schweizer Barockstadt. Das Antlitz der Altstadt wird geprägt von zahlreichen historischen Bauwerken, auch aus anderen Stilepochen. So ist der Zeitglockenturm bereits in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstanden, die St. Ursenkathedrale 1773 in barock-klassizistischer Zeit.

Die meisten Bauten haben einen starken Bezug zur Zahl 11. Schon im Mittelalter wurde die 11 in Solothurn nahezu zelebriert. Es gibt 11 historische Brunnen, 11 Türme und als absolute Besonderheit eine Uhr, die lediglich 11 Stunden anzeigt. Auch die St. Ursenkathedrale weist mehrere 11er-Elemente auf: Sie verfügt über 11 Glocken, 11 Altäre und eine Aussentreppe, deren Stufen jeweils in 11er-Gruppen gegliedert sind.



Vorgänger der Kathedrale war das alte St. Ursenmünster, der Mittelpunkt des dazugehörigen Chorherrenstifts, dessen Gründung wahrscheinlich in das Jahr 870 fällt. Der mehr und mehr desolate Zustand gipfelte im Einsturz des Turms, bekannt als Wendelstein, im März 1762. Dadurch wurde allerdings auch der lang anhaltende Streit innerhalb der Obrigkeit von Solothurn beendet, die sich zuvor nicht über einen Neubau der Kirche und deren Ausgestaltung einigen konnte. Nach dem Einsturz des Wendelsteins war, wie zunächst angedacht, eine teilweise Neuerrichtung nicht mehr möglich.

Ein Jahr später, 1763, erhielt der aus Ascona stammende Architekt Gaetano Matteo Pisoni (1713-1782) den Auftrag, den Bau nach seinen Plänen durchzuführen und zu leiten. Allerdings führten seine Eigenwilligkeiten und sein Umgang mit den Bauherren nach einigen Jahren zu seiner Entlassung. Nachfolger wurde 1772 sein Neffe Paolo Antonio Pisoni (1738-1804). Die feierliche Einweihung erfolgte am 26. September 1773 durch den Bischof von Lausanne, Josef Niklaus von Montenach.

Die alte St. Ursuskirche in Solothurn (Bild: Zentralbibliothek Solothurn, Wikimedia)

Die alte St. Ursuskirche in Solothurn (Bild: Zentralbibliothek Solothurn, Wikimedia)

Das neue Münster fungierte weiterhin als Stiftskirche der Chorherren, aber auch als gewöhnliche Pfarrkirche. In Folge der Französischen Revolution änderten sich die Verhältnisse der Bistümer in der Schweiz. 1828 reorganisierte Papst Leo XIII. das Baseler Bistum.



Die Kantone Solothurn, Zug, Bern, Luzern und der Heilige Stuhl beschlossen im entsprechenden Konkordat die neuen Grenzen und wählten Solothurn zum Bischofssitz. Im Lauf der Zeit traten auch die sechs anderen Kantone dem Konkordat bei. Aus der Stiftskirche wurde eine Kathedrale und das geistliche Zentrum innerhalb des Bistums. Als Pfarrkirche gehört sie zur Pfarrei St. Ursen in Solothurn und ist heute im Besitz der römisch-katholischen Kirchengemeinde.

Langhaus der St. Ursenkathedrale (Bild: Alwin Gasser  / pixelio.de)

Langhaus der St. Ursenkathedrale (Bild: Alwin Gasser / pixelio.de)

Die St. Ursenkathedrale ist eine Kreuzbasilika mit nur einem Turm an der nordöstlichen Ecke des Baus. Die zweigeschossige Hauptfassade, deren mittlerer Teil etwas hervorsteht, zeigt nach Westen und ist mit drei Reliefs von Johann Baptist Babel verziert. Das mittlere über dem Hauptportal zeigt die Schlüsselübergabe an Petrus. Die anderen beiden sind den Heiligen Urs und Viktor gewidmet. Auf dem rechten Relief ist ihre Verweigerung eines Götzenopfers zu sehen, auf dem linken die Enthauptung der beiden Märtyrer auf der Aarebrücke.

Im Inneren dominiert im Gegensatz zur Fassade deutlich der klassizistische Stil. Den Hochaltar im Chor schuf Francesco Pozzi nach einem Entwurf von Gaetano Pisoni aus sechzehn verschiedenen Marmorarten. Die übrigen Altäre in den Seiten- und Querschiffen stammen hauptsächlich von ausländischen Künstlern.

Kuppel der St. Ursenkathedrale von unten (Bild: Wladyslaw, Wikimedia, CC)

Kuppel der St. Ursenkathedrale von unten (Bild: Wladyslaw, Wikimedia, CC)

Im Januar 2011 wurde der Innenraum Kathedrale durch den Brandanschlag eines psychisch schwer gestörten Mannes stark beschädigt. Er hatte Benzin über einen Altar und den dazu gehörenden Teppich geschüttet und angezündet. Betroffen waren vor allem der Chorraum sowie der Volksaltar, der komplett verkohlt wurde. Sämtliche Oberflächen und selbst das Innere der Orgelpfeifen waren danach mit einer dicken Russschicht überzogen.



Die Kirche musste geschlossen und anschliessend umfassend renoviert werden, wobei sich die Kosten auf 8,77 Millionen Franken beliefen. 3,5 Millionen zahlte die Versicherung für die Brandschäden, weitere 1,2 steuerten die Kantonsregierung, der Bund, die Synode des Kantons sowie die Denkmalpflege bei. Weitere 400’000 Franken kamen durch Spenden zusammen, den Rest sollte die Kirchengemeinde Solothurn aufbringen.





St. Ursenkathedrale von Süden (Bild: Wladyslaw, Wikimedia, CC)

St. Ursenkathedrale von Süden (Bild: Wladyslaw, Wikimedia, CC)

In einem in 2013 erschienenen, umfassend bebilderten Band der Buchreihe „Beiträge zu Archäologie und Denkmalpflege im Kanton Solothurn“ berichten die beteiligten Restauratoren, Denkmalpfleger und Vertreter der Kirchengemeinde ausführlich über die geleisteten Arbeiten bei der Restaurierung.

Ausser dem Innenraum, in dem ein 22 Kilometer (!) langes Gerüst errichtet wurde, und seiner Ausstattung erfuhr auch der Domschatz eine gründliche Reinigung. Das Resultat der Arbeiten ist überzeugend und rechtfertigt auch den finanziellen Aufwand. Heute erstrahlt die St. Ursenkathedrale dank der gelungenen Kooperation aller Parteien in neuem Glanz. Die umfangreichen privaten Spenden belegen darüber hinaus, dass sie in der Bevölkerung als herausragendes Kulturgut und als geistliches Zentrum verwurzelt ist.



 

Oberstes Bild: St. Ursenkatherale mit 11-er Stufen Serie (© Userhelp.ch, Wikimedia, CC)

Über Ulrich Beck

hat Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert und ist zusätzlich ausgebildeter Mediendesigner im Segment Druck. Er schreibt seit über 30 Jahren belletristische Texte und seit rund zwei Jahrzehnten für Auftraggeber aus den unterschiedlichsten Branchen.



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