Das Gutenberg Museum Freiburg im Üechtland

27.02.2014 |  Von  |  Allgemein, Denkmalpflege
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Das Gutenberg Museum Freiburg im Üechtland
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Der volle Titel des Hauses lautet Gutenberg Museum – Schweizerisches Museum der grafischen Industrie und der Kommunikation. Es befindet sich seit dem Jahr 2000 in Freiburg im Üechtland im Gebäude des ehemaligen Kornhauses Derrière-Notre-Dame. Zuvor war Bern für 100 Jahre der Standort des Museums.

Es wurde übrigens im Jahr 1900 zeitgleich mit dem Gutenberg Museum im deutschen Mainz gegründet, und zwar anlässlich des 500. Geburtstages des Buchdruckerfinders. Als Kulturgut von nationaler Bedeutung mit der Inventarnummer 2064 steht das Gebäude unter der Ägide der Denkmalpflege des Kantons Freiburg, obwohl es nie eine direkte Verbindung mit der Papierindustrie bzw. der Druckkunst hatte, die beide Freiburg prägen. Als Kornhaus erfüllte es allerdings eine wichtige Funktion in der Historie des Ortes.



Die zwei unterschiedlich alten Baukörper des Gutenberg Museums befinden sich in der Nachbarschaft der Liebfrauenkirche und des Tinguely-Museums. Die Fundamente und das Kellermauerwerk bestehen aus grob bearbeiteten Feldsteinen, die oberirdischen Stockwerke aus Sandstein. Darüber hinaus ist die östliche Aussenwand ein Teil der alten Stadtmauer. Drei Wohnhäuser aus dem 13. Jahrhundert bildeten die Vorläufer, die in den Jahren 1523 bis 1527 durch den ersten Kornspeicher der Stadt unter der Leitung des Baumeisters Peter Ruffinger ersetzt wurden. Der zweite Gebäudeteil stammt aus dem späteren 16. Jahrhundert.

Bei der letzten Sanierung konnten die hauptsächlichen Gebäudeelemente freigelegt werden und somit die Geschichte dokumentieren. Das Traggerüst bilden einige Stützen aus Sandstein sowie mächtige Eichenholzträger mit den charakteristischen Ornamenten des Bildhauers Hans Geiler. Anfang der 1980er Jahre gab es Pläne, den Bau komplett zu entkernen und anschliessend einer anderen Nutzung zuzuführen. Einer Expertise des Amtes für Denkmalpflege ist es zu verdanken, dass diese Pläne nicht verwirklicht wurden.

Deckenbalken im Gutenberg Museum, Arbeit von Hans Geiler, 16. Jahrhundert (Bild: Lantus, Wikimedia, CC)

Deckenbalken im Gutenberg Museum, Arbeit von Hans Geiler, 16. Jahrhundert (Bild: Lantus, Wikimedia, CC)

Der Eingangsbereich wurde 1948 mit zwei Toren versehen, als das Haus für die Feuerwehr genutzt wurde. Die brachial anmutende Öffnung gehört allerdings zur Baugeschichte und wird heute von einer Stahlrahmenkonstruktion mit Verglasung geprägt. Von der Zeit der Feuerwehr und der industriellen Nutzung zeugen immer noch die massiven Stahlträger im Inneren, die auf Grund von feuerpolizeilichen Verordnungen eingebaut wurden.



Die zahlreichen Änderungen am ursprünglichen Baukörper hängen unmittelbar mit den unterschiedlichen Nutzungen im Lauf der Zeit zusammen. Grundlage für die Aufnahme in die Liste der Denkmalpflege und die Auflagen für eine Renovierung war die bereits erwähnte Expertise von Marie-Thérèse Torche-Julmy und Walter Tschopp. Errichtet als Kornspeicher und zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit einem Anbau versehen, ist das jetzige Gutenberg Museum der älteste erhaltenen Kornspeicher der Stadt Freiburg sowie der gesamten Schweiz. Das Gebäude wurde ausser für die Feuerwehr auch als Tabakfabrik und für die Zollverwaltung genutzt. Als die Feuerwehr auszog, stand es für einige Jahre leer, blieb aber im Besitz der Stadt.



Dass das alte Kornhaus heute das Gutenberg Museum beherbergt, macht Sinn, denn Freiburg war für die Entwicklung der Druckindustrie in der Schweiz stets von besonderer Bedeutung. Generationen von Druckern übten hier ihr Handwerk aus, für das sie das Papier u.a. aus der sechs Kilometer entfernten Papiermühle von Marly bezogen.

Die Ausstellung im Gutenberg Museum zeigt Exponate von den Anfängen der Papierherstellung und Druckkunst in Europa und auch Asien bis zur elektronischen Druckproduktion von heute. Auf einer Fläche von 1’000 Quadratmetern stehen Druck- und Weiterverarbeitungsmaschinen und Arbeitsplätze mit lebensgrossen Wachsfiguren, die die verschiedenen Arbeitsschritte darstellen. Auf vielen zweisprachigen Informationstafeln können sich die Besucher ausführlich über die Geschichte des Druckerhandwerks und der zugehörigen Technik kundig machen.

Ludlow Zeilengiessmaschine, Baujahr 1909 von William A. Reade, Gutenberg Museum in Freiburg i. Üe. (Bild: Lantus, Wikimedia, CC)

Ludlow Zeilengiessmaschine, Baujahr 1909 von William A. Reade, Gutenberg Museum in Freiburg i. Üe. (Bild: Lantus, Wikimedia, CC)




Die Ausstellungsflächen befinden sich in den beiden Obergeschossen des ehemaligen Kornspeichers. Gezeigt werden auch Exponate aus der Zeit vor Gutenberg, dessen Erfindung – die beweglichen Drucklettern – den Buchdruck revolutionierten. Im Erd- und Kellergeschoss sind heute der Eingangsbereich und ein kleiner Museumsshop untergebracht.

Ausserdem gibt es zwei voll funktionierende Studios, die für den Akzidenzdruck ausgerüstet sind. Darunter befindet sich ein Atelier für Buchdruck mit alten Maschinen, Anlagen für die Handsetzerei oder auch eine Tiegeldruckpresse sowie Linotype-Satzmaschinen, die in der Schweiz vor allem in der Zeit von 1914 bis 1976 im Einsatz waren. Das zweite Atelier beherbergt eine komplett ausgestattete Buchbinderei. Hier wird fast auschliesslich handwerklich mit nur wenig Maschinenanteil die alte Kunst des Buchbindens demonstriert: Fadenheftung, Klebverfahren und verschiedene Stanz- und Schneidetechniken.

Setzmaschine Linotype simplex, 1899, Gutenberg Museum in Freiburg i. Üe. (Bild: Sylenius, Wikimedia, CC)

Setzmaschine Linotype simplex, 1899, Gutenberg Museum in Freiburg i. Üe. (Bild: Sylenius, Wikimedia, CC)

In beiden Studios erfahren die Besucher nicht nur, wie seit Gutenberg der Satz, der Druck und das Binden von Büchern fortgeschritten ist, sie können sich auch aktiv beteiligen und zur Produktion beitragen. Anfassen ist hier – im Gegensatz zu den meisten Museen – ausdrücklich erwünscht. Gerade für Familien mit Kindern ist das Gutenberg Museum eine attraktive Freizeiteinrichtung, in der viel über die Geschichte der Druckkunst – ohne die unser heutiger Stand der Technik nicht möglich wäre – gelernt werden kann.

Aber auch die Geschichte des Kornspeichers kommt nicht zu kurz. In einem Durchgangsbereich zwischen den beiden Gebäudeteilen erfährt der Besucher viele Details über die zahlreichen Veränderungen im Laufe der Zeit.



 

Oberstes Bild: Das Gutenberg Museum Freiburg im Üechtland (Bild: Lantus, Wikimedia, CC)

Über Ulrich Beck

hat Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert und ist zusätzlich ausgebildeter Mediendesigner im Segment Druck. Er schreibt seit über 30 Jahren belletristische Texte und seit rund zwei Jahrzehnten für Auftraggeber aus den unterschiedlichsten Branchen.



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