Der Käfigturm in Bern – Teil der ursprünglichen Befestigungsanlage

20.02.2014 |  Von  |  Allgemein, Denkmalpflege
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Der Käfigturm in Bern – Teil der ursprünglichen Befestigungsanlage
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Der Käfigturm in Bern wurde in den Jahren von 1641 bis 1644 gebaut und diente lange als Wehr-, später als Gefängnisturm, Teil des Staatsarchivs sowie als Info-Zentrum. Er ersetzte zu seiner Entstehungszeit einen abbruchreifen Vorgänger aus dem Jahr 1256. Heute werden im Käfigturm, der zum Inventar der kantonalen Denkmalpflege gehört, überwiegend Expositionen und Veranstaltungen mit politischen Inhalten durchgeführt.

Das Gebäude mit seinen markanten Uhren steht am Ende der Marktgasse in der Berner Altstadt, die als Ganzes auf der Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgeführt wird. Nach Osten verläuft der Weg zum Anna-Seiler-Brunnen und weiter zum Zytglogge, dem anderen erhaltenen Stadttor. Westlich gelangt man über die Spitalgasse – heute eine Fussgängerzone – zum Bahnhof.



Der Vorläufer des Käfigturms wurde unter Peter II. als Wehrturm erbaut, verlor aber seine Bedeutung, als sich die Stadt bis 1345 in Richtung Heiliggeistkirche ausdehnte. Als der Zytglogge 1405 brannte, verlegte man die Gefangenen aus dessen Kerker in den alten Käfigturm. Sein Abriss erfolgte 1640 wegen Baufälligkeit. Die Pläne für den Neubau lieferte der Baumeister Joseph Plepp. Nach verschiedenen Kontroversen über den Sinn und den Standort des neuen Turms – immerhin hatte er zu dieser Zeit schon seinen eigentlichen Zweck verloren – entschied sich der Rat von Bern für die Errichtung am alten Standort. Ziel war es, ein städtebauliches Monument an dem markanten Platz zu schaffen, auch wenn es mit ziemlich hohen Kosten verbunden war.

Plepp verstarb 1642, und die Leitung wurde Antoni Graber übertragen. Da der neue Turm nicht genügend Platz für die Unterbringung der Gefangenen bot, wurde das Nachbarhaus hinzugekauft. Das mechanische Uhrwerk erhielt der Käfigturm in den Jahren 1690/91. Da der Verkehr immer mehr zunahm, entschloss man sich 1823 den nördlichen Anbau zu entfernen und somit Raum für die bis heute bestehende Durchfahrt zu schaffen. 1886 gab es gar eine Initiative, die den Turm komplett abreissen lassen wollte, was aber von der Kantonsregierung verweigert wurde. Im Jahr 1897 endete die Funktion als Gefängnis. Die letzten Insassen wurden in das neue Bezirksgefängnis verlegt.

Artillerie beim Defilee vor der Armeeführung (Bild: Schweizerisches Bundesarchiv, CH-BAR#E27#1000/721#14095#1840* / CC-BY-SA 3.0/CH, Wikimedia, CC)

Artillerie beim Defilee vor der Armeeführung (Bild: Schweizerisches Bundesarchiv, CH-BAR#E27#1000/721#14095#1840* / CC-BY-SA 3.0/CH, Wikimedia, CC)

Nach mehreren Renovierungen der Fassaden erfolgte 1980 eine vollständige Sanierung. Nach knapp 20 Jahren Nutzung als Informationszentrum richteten die Schweizerische Bundeskanzlei und die eidgenössischen Parlamentsdienste das heutige Polit-Forum ein, das die bereits erwähnten Ausstellungen zu politischen Themen durchführt.



Der Grundriss des Käfigturms ist ein Quadrat von 9,8 mal 9,8 Metern Kantenlänge, seine Durchfahrt ist fünf Meter breit.. Die Höhe beträgt rund 23 Meter bis zur Dachkante und 49 Meter bis zur Wetterfahne. Die fünf Stockwerke sind durch 106 Treppenstufen miteinander verbunden und bieten eine Nutzfläche von 475 Quadratmetern. Ein Lifteinbau ist unter Aspekten der Denkmalpflege nicht möglich. Die Turmmauern, die im Unterbau aus Hartstein, im Rest aus Sandstein bestehen, weisen eine Dicke von 85 bis 90 Zentimetern auf. Heute ist der Turm in eine Zeile ehemaliger Zunfthäuser am Bärenplatz eingebettet.

Käfigturm am Bärenplatz, Bern (Bild: Wladyslaw, Wikimedia, Lizenz Freie Kunst)

Käfigturm am Bärenplatz, Bern (Bild: Wladyslaw, Wikimedia, Lizenz Freie Kunst)




Ein Medaillon über der Durchfahrt zeigt drei verschiedene Wappen – zweimal das Berner sowie das Habsburger Wappen mit seinem Doppelkopfadler als Erinnerung an die Schlacht bei der Schlosshalde. Das Wappenrelief schuf der Bildhauer Johannes Hülscher aus der Pfalz im Jahr 1643. Die Gliederung der östlichen Fassade ist wesentlich schlichter als die der westlichen. Auf Elemente wie eine Triumphbogenblende, Triglyphen, Eckquaderung und Hermenpilaster wurde hier verzichtet.

Die beiden roten Uhren und das Uhrwerk lieferten die Uhrmacher Jakob Kuntz und Jacob Hogg aus Zofingen. Die Uhren haben keinen Minutenzeiger, sondern zeigen nur die Stunden an. Ursprünglich sollte 1686 eine nicht mehr benötigte Uhr aus dem Zeitglockenturm Verwendung im Käfigturm finden, aber diese war für ein Einbau ungeeignet. Die Installation der bis heute erhaltenen Uhren und des Uhrwerks erfolgte schliesslich im Jahr 1691 und ist durch eine Inschrift am vorderen Rahmenband belegt.



Die Uhren laufen maximal 36 Stunden und müssen täglich nachgezogen werden, ihre Antriebsvorrichtung besteht aus zwei Gewichten von 85 und 45 Kilogramm Gewicht. Die Glocke unter der spitz behelmten Haube stammt aus dem Jahr 1643. Laut Inschrift wurde sie in Vesoul angefertigt. Der Weihespruch heisst: „Meine Stimme sei ein Schrecken aller bösen Geister.“

Gem´lde von Georges Stein: Marktgasse mit Käfigturm, Bern (Bild: Ajnem, Wikimedia)

Gem´lde von Georges Stein: Marktgasse mit Käfigturm, Bern (Bild: Ajnem, Wikimedia)

Der Käfigturm ist nicht nur für die kantonale Denkmalpflege von Bedeutung. Mit seiner Umgebung diente er auch häufig als Kulisse für Gemälde namhafter Künstler, darunter Wilhelm Stettler (1643-1708), Johann Ludwig Nöthiger (1719-1782) und Georges Stein (1818-1890), einem französischen Impressionisten. Letzterer ist hauptsächlich durch seine Strassenszenen aus Paris bekannt und nutzte das Motiv des Käfigturms gleich für zwei seiner Gemälde. In einer Mappe mit 24 Stadtansichten von Bern des Schweizer Künstlers Adolphe Tièche (1877-1957) findet sich der Käfigturm als Bleistiftzeichnung wieder. Wer das Innere des Käfigturms besichtigen möchte, kann dies zur Dauer der Ausstellungen des Polit-Forums tun.



 

Oberstes Bild: Käfigturm in Bern (Bild: tokamuwi  / pixelio.de)

Über Ulrich Beck

hat Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert und ist zusätzlich ausgebildeter Mediendesigner im Segment Druck. Er schreibt seit über 30 Jahren belletristische Texte und seit rund zwei Jahrzehnten für Auftraggeber aus den unterschiedlichsten Branchen.



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