Die Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht

31.01.2014 |  Von  |  Allgemein, Denkmalpflege
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Die Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht
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Die wilde und zerklüftete Schöllenenschlucht im Kanton Uri war über viele Jahrhunderte hinweg eine äusserst schwierig zu überwindende Barriere für Reisende auf der Gotthard-Route. Der Tod lauerte an jedem Abgrund.

Um das Jahr 1200 haben wahrscheinlich die Walser aus dem Urserental bei der Anlage eines abenteuerlichen Saumwegs die ersten Brücken über die Reuss gebaut. Heute ist dort die Konstruktion der zweiten und dritten Teufelsbrücke zu bewundern. Der Name stammt aus einer alten Sage über die erste Teufelsbrücke aus dem 13. Jahrhundert.



Demnach hatten die Urner zu der Zeit des öfteren versucht, eine Brücke über den wilden Fluss zu schlagen, doch immer wieder kam es zu tödlichen Abstürzen von Säumern samt Maultieren und Waren. Als sie wieder einmal einen Versuch wagten, aber keine Lösung fanden, soll ein Landamman verzweifelt ausgerufen haben: „Soll doch der Teufel hier eine Brücke bauen!“

Der Satz war kaum zu Ende gesprochen, als der Teufel höchstpersönlich vor den Urnern stand und ihnen einen Pakt vorschlug. Er versprach, eine Brücke zu bauen, die Bestand haben sollte, wenn die Urner im Gegenzug die erste Seele, die die Brücke überschreiten würde, ihm überlassen würden. Sie sagten unbedacht zu, und schon nach kurzer Zeit stand eine sichere neue Brücke über der Reuss.

Die Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht 1934 (Bild: Adrian Michael, Wikimedia)

Die Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht 1934 (Bild: Adrian Michael, Wikimedia)

Danach aber verzweifelten sie einigermassen, weil sie nicht wussten, wen sie für den Teufelspakt hinüberschicken sollten. Schliesslich hatte ein schlauer Bauer eine glänzende Idee. Er liess seinen Ziegenbock von der Leine und jagte ihn auf die andere Seite der Brücke. Als der Teufel dies sah, raste er vor Wut und wollte sein Werk mit einem grossen Felsblock wieder zerstören. In diesem Moment kam ein altes Weib daher und ritzte ein Kreuz in den Fels. Darauf verfehlte der Teufel sein Ziel, und der Stein krachte bei Göschenen auf den Boden. Der Teufelsstein liegt noch heute dort, die Brücke aber erhielt den Namen Teufelsbrücke.



Soweit die alte Sage. Historisch gesichert ist hingegen, dass die erste Teufelsbrücke noch aus Holz bestand und 1230 errichtet wurde. Erst im Jahr 1595 ersetzte man sie durch eine Steinbrücke, die aber nach 1830 wegen der Errichtung der zweiten Teufelsbrücke nicht mehr benutzt wurde und nach und nach verfiel. 1888 stürzte sie endgültig ein, jedoch sind auf dem linken Flussufer heute noch ihre Fundamente zu sehen.





Die alte und neue Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht (Bild: Roland Zumbuehl, Wikimedia, CC)

Die alte und neue Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht (Bild: Roland Zumbuehl, Wikimedia, CC)

Die zweite Brücke entstand zwischen 1820 und 1830 nach dem Ende der Koalitionskriege gegen Napoleon. Sie ist – nicht zuletzt wegen der Bemühungen der Denkmalpflege – bis heute erhalten und bietet – mit Blick auf die damaligen technischen Möglichkeiten – einen atemberaubenden und ästhetischen Anblick.

Von den Kriegen gegen den französischen Kaiser zeugt in der Gegenwart noch das 1899 in den Fels gemeisselte Suworow-Denkmal in der Schöllenenschlucht. Es hat die Form eines Kreuzes und befindet sich in unmittelbarer Nähe der Brücke. Der russische General gleichen Namens hatte sich hier im Jahr 1799 Gefechte mit den französischen Truppen geliefert, bei denen 700 russische Soldaten starben. Das Denkmal wurde später vom russischen Staat finanziert. Die Teufelsbrücke wurde bei den Kämpfen so schwer beschädigt, dass sie unbegehbar wurde.

Suworow-Denkmal für in der Schöllenenschlucht (Bild: LittleJoe, Wikimedia, CC)

Suworow-Denkmal für in der Schöllenenschlucht (Bild: LittleJoe, Wikimedia, CC)

Die zweite Brücke konnte allerdings die Anforderungen des wachsenden Verkehrs Mitte letzten Jahrhunderts nicht mehr erfüllen. Deshalb wurde in direkter Nachbarschaft im Jahr 1958 die dritte, jetzt zweispurige Teufelsbrücke samt dazugehörigem Tunnel gebaut.



In Erinnerung an die Sage schuf der Urner Maler Heinrich Danioth 1950 ein markantes Ölgemälde mit einer Teufelsdarstellung, das an einer Felswand über der Brücke prangt. In einem sinnlosen Akt von Vandalismus wurde das rote Bild 2008 mit blauer Farbe verschmiert und ein Jahr später aufwändig wieder restauriert.

Die Restaurierung gestaltete sich deshalb so schwierig, weil die Täter Farbe von der gleichen Qualität benutzt hatten. Der bereits erwähnte Teufelsstein bei Göschenen musste 1973 um 127 Meter verschoben werden, weil er die Trasse der Gotthard-Autobahn versperrte. Ein Budget von rund 300’000 Franken war erforderlich, um den 2000 Tonnen schweren Felsblock zu bewegen. In der Folge erhielt die alte Volkssage neue Nahrung: Angeblich ist die Verschiebung des Steins verantwortlich über einen unerklärlichen Zuwachs an Verkehrsunfällen bei Kilometer 4 des insgesamt 17 Kilometer langen Gotthard-Strassentunnels.

Der zwölf Meter hohe Teufelsstein (220 t) bei Göschenen (Bild: Roland Zumbühl, Wikimedia, CC)

Der zwölf Meter hohe Teufelsstein (220 t) bei Göschenen (Bild: Roland Zumbühl, Wikimedia, CC)

Das heutige Brückenensemble ist ein hervorragendes Zeugnis für die Handwerkskunst der Erbauer und wurde folgerichtig unter den Schutz der Denkmalpflege gestellt. Der ehemalige, beschwerliche Saumweg am Gotthard füllt ein wichtiges Kapitel der schweizerischen Geschichte, denn er war eine der wichtigsten Handelsrouten in den Schweizer Alpen. Die Fahrstrassen und die Gotthard-Eisenbahn mit ihren Brücken, Galerien und Lawinenverbauungen gehören zu den technischen Höchstleistungen ihrer jeweiligen Entstehungszeit.

Sie sind aber auch geprägt von der Landschaft und bieten im Zusammenspiel mit dieser einen Eindruck von perfekter Harmonie. Mit der Unterschutzstellung durch die Denkmalpflege wird nicht nur der mythologische Charakter der Teufelsbrücken gewürdigt, sondern auch der unerschöpfliche Pioniergeist der Ingenieure gefeiert.



 

Oberstes Bild: Die alte und neue Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht bei Andermatt (Bild: Marcin Wichary, Wikimedia, CC)

Über Ulrich Beck

hat Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert und ist zusätzlich ausgebildeter Mediendesigner im Segment Druck. Er schreibt seit über 30 Jahren belletristische Texte und seit rund zwei Jahrzehnten für Auftraggeber aus den unterschiedlichsten Branchen.



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