Ein Stück herausragender Technikgeschichte – die Rhätische Bahn

22.01.2014 |  Von  |  Allgemein
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Ein Stück herausragender Technikgeschichte – die Rhätische Bahn
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Sie gelten als technische Meisterleistung aus den Pionierzeiten der Eisenbahn – die Albula- und Berninalinie. Diese Teilstücke der Rhätischen Bahn verbinden Thusis im Kanton Graubünden und die Stadt Tirano kurz hinter der schweizerischen Grenze in Norditalien. Die Fertigstellung beider Abschnitte erfolgte 1904 und 1910. Im Juli 2008 wurden sie in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes eingetragen. Italien war an der Bewerbung beteiligt, federführend handelte allerdings die Schweizer Denkmalpflege.

Die Rhätische Bahn, gegründet auf Betreiben des Holländers Willem Jan Holsboer, ist ein Schmalspurnetz von rund 385 Kilometern Länge. Vor ihrem Bau war die südöstliche Schweiz mit Eisenbahnen sehr schlecht erschlossen. Die Arbeiten am ersten Streckenabschnitt wurden im Jahr 1888 begonnen, 1890 war die Verbindung von Landquart nach Davos fertiggestellt.



Der wirtschaftliche Erfolg dieser Strecke war entscheidend für den weiteren Ausbau des gesamten Projekts in den nachfolgenden Jahren. Zwischen 1913 und 1922 erfolgte schliesslich die vollständige Elektrifizierung des Stammnetzes. Dadurch wurde nicht nur die Leistungsfähigkeit des Zugbetriebs deutlich gesteigert, sondern auch das Problem des Kohlemangels beseitigt, der durch den Ersten Weltkrieg entstanden war.

Zug der Rhätischen Bahn auf dem Albulaviadukt (Bild: Bernina, Wikimedia, CC)

Zug der Rhätischen Bahn auf dem Albulaviadukt (Bild: Bernina, Wikimedia, CC)

Das in sechsjähriger Bauzeit errichtete Teilstück Albulalinie führt von Thusis über Celerina nach St. Moritz. Auf einer Länge von 62 Kilometern kann sie 144 Brücken mit einer Spannweite von mehr als zwei Metern aufweisen, hinzu kommen 42 Tunnels und Galerieabschnitte.



Damit gehört die Albulalinie zu den spektakuärsten und beeindruckendsten Schmalspurbahnen weltweit. Ihre aufwändige Konstruktion und die handwerkliche Meisterschaft der Erbauer machen sie zum Musterbeispiel einer Gebirgseisenbahn aus den Glanzzeiten des Schienenverkehrs. Der Zugbetrieb umfasst sowohl Personen- als auch Güterzüge. In jüngerer Zeit kamen auch Autozüge mit Fahrgästen hinzu. Berühmt geworden sind auf der Albulabahn die sogenannten Krokodile, die früher als mächtige Lokomotiven für Gütertransporte eingesetzt wurden.

Für Bahnfreunde ist das Albula Museum ein beliebter Ausflugsort. Es befindet sich gegenüber vom Bahnhof in Bergün, mit dem Zug nur etwas mehr als eine Stunde von Chur entfernt, und zeigt in seiner Sammlung Objekte aus der Geschichte der Bahn, unter anderem auch ein Krokodil.
Die Berninabahn wurde im Gegensatz zur Albulalinie bereits während des Baus komplett elektrifiziert. Bevor sie nach dem Zweiten Weltkrieg Teil der Rhätischen Bahn wurde, war sie eine eigenständige Gesellschaft. Die Strecke führt von St. Moritz über den namensgebenden Berninapass nach Tirano in Italien.

Sie ist nicht nur die höchste Adhäsionseisenbahn in den Alpen, sondern gehört mit ihrer siebenprozentigen Neigung auch zu den steilsten Bahnen dieser Art weltweit. Auf der knapp 61 Kilometer langen Fahrt überqueren die Züge 52 Brücken und passieren 13 Gallerien und Tunnels. Einer der Höhepunkte der Berninalinie ist der Kreisviadukt bei Brusio (siehe Abbildung), der zur Überwindung des Höhenunterschiedes an dieser Stelle dient.





Rhätische Bahn überquert gerade das Kreisviadukt von Brusio (Bild: Kabelleger / David Gubler, Wikimedia, CC)

Rhätische Bahn überquert gerade das Kreisviadukt von Brusio (Bild: Kabelleger / David Gubler, Wikimedia, CC)

Die Idee hinter der Berninalinie war, nach Fertigstellung der Albulabahn eine weiterführende Verbindung von St. Moritz nach Tirano zu schaffen. Zwischen 1906 und 1910 wurden nach und nach die einzelnen Teilstücke errichtet und eröffnet. Ursprünglich sollten nur im Sommer Züge verkehren, doch bereits 1913/14 wurde auch ein regelmässiger Winterbetrieb aufgenommen.

Die dafür notwendigen Lawinenverbauungen hätten wegen der hohen Kosten fast zum Bankrott der Bahngesellschaft geführt. Im Lauf der Jahrzehnte ihres Bestehens waren immer wieder aufwändige Reparaturen an der Gleisführung und an Brücken oder auch komplette Neubauten erforderlich. Gründe dafür waren vor allem massive Felsverschiebungen an den entsprechenden Stellen, etwa am Cavagliasco-Viadukt. Auf der Berninabahn verkehren ebenfalls Personen- und Güterzüge, zum Teil auch im Verbund, wenn keine gefährlichen Waren transportiert werden. Zum Einsatz kommen dabei deutlich mehr Triebzüge als Lokomotiven.



Beide Bahnlinien sind nicht nur ein herausragendes Beispiel der Denkmalpflege, sondern begeistern Eisenbahnfreunde aus aller Welt bereits seit ihrer Fertigstellung. Auf der Liste des UNESCO Weltkulturerbes sind sie die dritte Eisenbahn. Zuvor waren nur die österreichische Semmeringbahn sowie Strecken in Indien aufgenommen worden. Neben den rein technischen Anlagen wurden auch die angrenzenden Landschaften in das Welterbe miteinbezogen. Die ersteren gelten als Kernzone, letztere sind in drei Pufferzonen der Natur- und Kulturlandschaften eingeteilt.

Die Rhätische Bahn - UNESCO Weltkulturerbe (Bild: Markus Giger, Wikimedia, CC)

Die Rhätische Bahn – UNESCO Weltkulturerbe (Bild: Markus Giger, Wikimedia, CC)

Im Sinne der Denkmalpflege und des UNESCO Welterbes bilden Bahnlinien und Landschaften zusammen ein Gesamtkunstwerk. Trotz Planung der Albulalinie als Schmalspurbahn war sie von Beginn an nicht als eine Nebenlinie zu anderen Strecken konzipiert. Im Gegenteil förderte sie den Sommer- und Wintertourismus etwa im Engadin und gilt bis heute als Bereicherung der ohnehin schon vielgestaltigen Landschaft. Komplementär dazu entstand die Berninabahn unter Aspekten von Energiegewinnung und Kraftwerksbau in Norditalien. Beides zusammen macht die Albula- und Berninalinie zu einem ebenso typischen wie einzigartigen Beispiel des Gebirgsbahnbaus, das seinen Platz auf der Liste des UNESCO Welterbes zu Recht bekommen hat.



 

Oberstes Bild: Mit der Rhätischen Bahn im Kanton Graubünden unterwegs (Bild: Hansueli Krapf, WIkimedia, CC)

Über Ulrich Beck

hat Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert und ist zusätzlich ausgebildeter Mediendesigner im Segment Druck. Er schreibt seit über 30 Jahren belletristische Texte und seit rund zwei Jahrzehnten für Auftraggeber aus den unterschiedlichsten Branchen.



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