Warum Thun zwei Aarearme hat – und Menschen den Wasserlauf veränderten

Mitten in Thun teilt sich die Aare in zwei Arme und macht das Bälliz zur langgezogenen Insel. Was heute wie eine natürliche Besonderheit der Stadtlandschaft wirkt, entstand jedoch wesentlich durch menschliche Eingriffe. Auslöser war eines der folgenreichsten Wasserbauprojekte der frühen Schweiz: die Umleitung der Kander in den Thunersee.

Die Innere und die Äussere Aare erzählen deshalb weit mehr als eine Geschichte über Brücken, Uferwege und türkisfarbenes Wasser. In ihrem Verlauf lassen sich Hochwasserschutz, Gewerbegeschichte, Schifffahrt, Stadtentwicklung und jahrhundertelange Versuche ablesen, die Kraft des Wassers zu beherrschen.

Die Aare prägte Thun lange vor den grossen Eingriffen

Thun entstand an einem strategisch bedeutenden Ort: Hier verlässt die Aare den Thunersee und fliesst weiter in Richtung Bern. Wasser, Verkehrswege und die erhöhte Lage des Schlossbergs boten günstige Voraussetzungen für eine Siedlung. Gleichzeitig blieb der Seeabfluss eine schwer kontrollierbare Naturkraft.

Die Aare versorgte die Stadt mit Wasser und trieb Mühlen, Sägen sowie weitere gewerbliche Anlagen an. Wasserräder machten die Strömung wirtschaftlich nutzbar. Vor dem Ausbau der Eisenbahn diente der Fluss ausserdem als Transportweg für Waren und Holz.

Der Wasserstand durfte deshalb weder dauerhaft zu hoch noch zu niedrig sein. Zu viel Wasser bedrohte Häuser, Brücken und Werkstätten. Bei zu geringem Abfluss fehlte den Wasserwerken die nötige Leistung, während Schiffe und Flösse flussabwärts schlechter vorankamen.

Das mittelalterliche Thun besass bereits Stadtgräben, Befestigungen und künstlich beeinflusste Wasserläufe. Die spätere Teilung der Aare entstand somit nicht auf völlig unberührtem Gelände. Der entscheidende Umbau erfolgte jedoch erst nach einem Eingriff ausserhalb der Stadt.

Die Kander floss ursprünglich am Thunersee vorbei

Heute mündet die Kander bei Einigen in den Thunersee. Vor dem frühen 18. Jahrhundert nahm sie einen anderen Weg. Sie floss durch das Gebiet der Thuner Allmend und vereinigte sich erst unterhalb des Sees mit der Aare.

Dieser frühere Verlauf verursachte immer wieder Überschwemmungen. Die Kander brachte grosse Mengen Geschiebe mit, lagerte Kies und Geröll ab und veränderte ihr Bett. Für Siedlungen, Landwirtschaft und Verkehrswege im flachen Gebiet südlich und westlich von Thun bedeutete dies ein dauerhaftes Risiko.

Da der Fluss nur durch einen Geländerücken vom Thunersee getrennt war, entstand die Idee, ihn direkt in den See umzuleiten. Der Thunersee sollte das Geschiebe aufnehmen und die Wassermassen ausgleichen. Unter der Leitung des Ingenieurs Samuel Bodmer begann 1711 ein aussergewöhnliches Wasserbauprojekt.


Die Verbindung von See, Fluss und Siedlungsraum machte Thun wirtschaftlich attraktiv, verlangte aber immer neue Lösungen für den Wasserabfluss.

Der Kanderdurchstich veränderte das gesamte Gewässersystem

Zunächst war ein Stollen durch den Strättlighügel vorgesehen. Die Arbeiten waren technisch anspruchsvoll, denn Erfahrungen mit Bauwerken dieser Grössenordnung waren begrenzt. Nachdem Wasser durch den neuen Durchgang geleitet worden war, setzte eine starke Erosion ein.

Im Jahr 1714 brach der Stollen teilweise zusammen. Das Wasser räumte Material aus dem Gelände und formte nach und nach eine offene Schlucht. Aus dem geplanten unterirdischen Durchlass entwickelte sich ein tief eingeschnittener neuer Flusslauf.

Die Kander erreichte nun direkt den Thunersee. Damit war das frühere Überschwemmungsproblem entlang ihres alten Unterlaufs nicht einfach verschwunden, sondern in veränderter Form an den See und seinen einzigen natürlichen Abfluss verlagert worden.

Der Thunersee erhielt plötzlich wesentlich mehr Wasser. Die Aare durch Thun musste den zusätzlichen Zufluss bewältigen, obwohl ihr damaliges Gerinne dafür nicht ausgelegt war. Wasserwerke wurden beschädigt oder unbrauchbar, und die Gefahr von Überschwemmungen in der Stadt nahm zu.

Das Projekt gilt deshalb zugleich als Pionierleistung und als Beispiel für unerwartete Folgen eines grossen Eingriffs. Die Umleitung löste ein regionales Problem, schuf aber neue Aufgaben, die weitere Bauwerke und Regulierungen notwendig machten.

Aus dem Stadtgraben wurde die Äussere Aare

Nach dem Kanderdurchstich mussten die Abflussverhältnisse in Thun rasch verbessert werden. Der bestehende Aarelauf allein konnte die zusätzlichen Wassermengen nicht zuverlässig aufnehmen. Der Staat Bern übernahm die betroffenen Wasserwerke und liess in den 1720er-Jahren neue Schleusen errichten.

Ein Teil des Wassers wurde in den früheren Stadtgraben geleitet. Dieser Wasserweg wurde ausgebaut und zur Äusseren Aare. Der bisherige Lauf durch das Stadtzentrum blieb als Innere Aare bestehen.

Damit entstanden die beiden Aarearme, die das Zentrum bis heute prägen. Zwischen ihnen liegt das Bälliz. Aus einem Gelände am historischen Stadtgraben wurde eine Insel, die sich später zu einer der wichtigsten Geschäfts- und Verkehrsachsen Thuns entwickelte.

Die beiden Arme sind daher keine zufällige natürliche Verzweigung. Ihre heutige Form ist das Ergebnis einer bewussten wasserbaulichen Reaktion auf die Kanderumleitung. Stadtbefestigung, Gewerbenutzung und Hochwasserschutz verbanden sich zu einem neuen Flusssystem.


Die historischen Schleusen verbinden bis heute die Regulierung des Seeabflusses mit dem charakteristischen Stadtbild Thuns.

Zwei Schleusen verteilen den Abfluss

An den beiden Aarearmen entstanden die Mühleschleuse und die Scherzligschleuse. Sie werden auch als Untere und Obere Schleuse bezeichnet. Mit ihren beweglichen Schützen lässt sich beeinflussen, wie viel Wasser aus dem Thunersee durch die einzelnen Arme abfliesst.

Die Scherzligschleuse regelte den Zufluss in den zum Aarearm umgestalteten früheren Stadtgraben. Die Mühleschleuse kontrollierte den anderen Abfluss. Gemeinsam wurden die Anlagen zu zentralen Instrumenten für den Wasserstand des Thunersees.

Die Schleusen mussten mehrere Interessen ausgleichen. Für den Hochwasserschutz war ein leistungsfähiger Abfluss nötig. Gewerbebetriebe waren auf berechenbare Wassermengen angewiesen, während Schifffahrt und Flösserei genügend Wasser in der Aare unterhalb von Thun benötigten.

Im 18. und 19. Jahrhundert wurde zeitweise ein sogenannter Schwallbetrieb genutzt. Dabei hielt man Wasser im Thunersee zurück und gab es zu bestimmten Zeiten verstärkt in die Aare ab. Die vorübergehend erhöhte Wasserführung erleichterte den Transport flussabwärts.

Die beiden Schleusen waren damit nicht bloss Sperren gegen Hochwasser. Sie machten den Thunersee zu einem teilweise bewirtschafteten Speicher. Schon lange vor moderner digitaler Steuerung wurde der Abfluss gezielt an wirtschaftliche und sicherheitstechnische Anforderungen angepasst.


Die historischen Schleusen verbinden bis heute die Regulierung des Seeabflusses mit dem charakteristischen Stadtbild Thuns.

Das Bälliz wurde zur Insel und später zum Stadtzentrum

Durch die Aufteilung des Wassers erhielt das Bälliz seine bis heute erkennbare Insellage. Der Raum zwischen den beiden Aarearmen entwickelte sich über lange Zeit zu einem dicht genutzten Teil der Stadt. Brücken verbanden die Insel mit der Altstadt und den angrenzenden Quartieren.

Die Gewässer bestimmten die Richtung von Strassen, Parzellengrenzen und Gebäudereihen. Gleichzeitig begrenzten sie die verfügbare Fläche. Thuns Zentrum wuchs nicht unabhängig vom Wasser, sondern passte sich an ein System aus Flussarmen, Übergängen und regulierten Ufern an.

Heute erscheinen Innere und Äussere Aare als selbstverständliche Bestandteile des öffentlichen Raums. Uferbereiche, Plätze, Gastronomie und Fusswege profitieren von ihrer Nähe. Hinter dieser städtebaulichen Qualität steht jedoch eine lange Geschichte technischer Eingriffe und wiederkehrender Hochwassergefahr.

Das Beispiel zeigt, wie Infrastruktur mit der Zeit Teil der kulturellen Identität werden kann. Bauwerke, die ursprünglich aus einer Notlage heraus entstanden, prägen Jahrhunderte später das Bild einer ganzen Stadt.

Auch unterhalb von Thun wurde die Aare umgebaut

Die Eingriffe endeten nicht bei den beiden Schleusen. Unterhalb der Stadt floss die Aare früher durch eine breite Landschaft mit Seitenarmen, Kiesbänken und wechselnden Gerinnen. Hochwasser veränderte den Lauf regelmässig und bedrohte Siedlungen sowie landwirtschaftlich genutzte Flächen.

Im 19. Jahrhundert gewann die Sicherung moderner Verkehrswege an Bedeutung. Die 1859 eröffnete Bahnverbindung zwischen Bern und Thun führte durch die Aarelandschaft. Der ungebändigte Fluss gefährdete das Trassee und die Brückenanlagen.

Zwischen 1871 und 1876 wurde die Aare von Thun bis Uttigen kanalisiert. Dämme und Uferbefestigungen hielten das Wasser in einem festgelegten Gerinne. Der Fluss erhielt dadurch einen geraderen und berechenbareren Verlauf.

Die Begradigung beschleunigte allerdings die Strömung. Das Wasser grub sich stärker in den Untergrund ein. Diese Sohlerosion setzte sich flussaufwärts fort und bedrohte in Thun Fundamente, Ufermauern und Brücken.

Im Bereich Schwäbis musste die Flusssohle deshalb mit grossen Steinblöcken gesichert werden. Erneut zeigte sich ein Grundproblem des Wasserbaus: Eine Massnahme kann an einem Ort Schutz schaffen und an anderer Stelle neue Belastungen auslösen.



Hochwasser blieben trotz der Regulierung eine Gefahr

Schleusen, Kanäle und Uferbefestigungen verringerten zahlreiche Risiken, konnten extreme Zuflüsse aber nicht vollständig beherrschen. Besonders problematisch wird die Lage, wenn starke Niederschläge, Schneeschmelze und bereits hohe Pegel zusammenkommen.

Der Thunersee besitzt mit der Aare nur einen begrenzten oberirdischen Abfluss. Wenn mehr Wasser zufliesst, als durch Thun abgegeben werden kann, steigt der Seespiegel. Dadurch geraten nicht nur Stadtbereiche an der Aare, sondern auch andere Gemeinden am See unter Druck.

Schwere Hochwasserereignisse führten im 20. und frühen 21. Jahrhundert zu grossen Schäden. Besonders die Ereignisse von 1999 und 2005 zeigten, dass die vorhandene Abflusskapazität für aussergewöhnliche Situationen nicht genügte.

Die historische Zweiteilung der Aare blieb wichtig, doch für einen zeitgemässen Hochwasserschutz war eine zusätzliche Lösung nötig. Erneut reagierte die Region mit einem grossen Eingriff in den Wasserlauf.


Historische Wasserbauten bleiben funktionsfähig, wenn Technik, Unterhalt und Schutz des gewachsenen Stadtbildes zusammen gedacht werden.

Der Entlastungsstollen bildet einen unsichtbaren zusätzlichen Abfluss

Nach den Hochwassererfahrungen wurde ein Entlastungsstollen gebaut, der seit 2009 eingesetzt werden kann. Sein Einlauf liegt am Ende des Schifffahrtskanals beim Bahnhof Thun. Unterirdisch führt er Wasser an einem Teil des innerstädtischen Systems vorbei und gibt es unterhalb wieder in die Aare ab.

Der Stollen erhöht die Abflusskapazität des Thunersees, ohne im normalen Stadtbild als zusätzlicher Flussarm sichtbar zu sein. Er ergänzt die historischen Schleusen und schafft bei hohen Pegeln einen weiteren kontrollierbaren Weg für das Wasser.

Damit besitzt Thun funktional mehr als nur die beiden bekannten oberirdischen Aarearme. Innere und Äussere Aare prägen den Stadtraum, während der Entlastungsstollen als technische Sicherheitsreserve im Untergrund wirkt.

Seine Nutzung wird mit der Regulierung des Thunersees abgestimmt. Dabei müssen auch die Auswirkungen auf die Aare unterhalb von Thun berücksichtigt werden. Hochwasserschutz darf die Gefahr nicht lediglich von den Seeanrainern zu weiter flussabwärts gelegenen Gebieten verschieben.

Vom Beherrschen des Flusses zum umfassenden Gewässermanagement

Frühere Wasserbauprojekte sollten einen Fluss häufig möglichst rasch ableiten, begradigen und in einem festen Bett halten. Heute werden Hochwasserschutz, Ökologie, Trinkwasser, Erholung und Siedlungsentwicklung stärker gemeinsam betrachtet.

An der Aare zwischen Thun und Bern werden befestigte Abschnitte deshalb nicht überall unverändert erhalten. Wo genügend Raum vorhanden ist, können Aufweitungen, flachere Ufer und neue Seitengerinne natürliche Prozesse teilweise wieder zulassen.

Für das dicht bebaute Zentrum von Thun bleibt eine kontrollierte Wasserführung unverzichtbar. Historische Bauten, Brücken, Ufermauern und belebte Plätze liegen unmittelbar an den Flussarmen. Hier verlangt jede Veränderung eine sorgfältige Abstimmung zwischen Sicherheit, Denkmalschutz und Stadtnutzung.

Die beiden Aarearme stehen damit für unterschiedliche Phasen des Umgangs mit Wasser. Sie entstanden aus einem akuten technischen Problem, entwickelten sich zu einer wirtschaftlichen Infrastruktur und gehören heute zu einem komplexen System aus Regulierung, Hochwasserschutz und öffentlichem Raum.


Die regulierten Wasserläufe wurden von einer technischen Notwendigkeit zu einem dauerhaft identitätsstiftenden Bestandteil der Stadt.

Die Stadt lässt sich entlang der Wasserbaugeschichte lesen

Ein Rundgang entlang der Inneren und Äusseren Aare verbindet verschiedene Zeitschichten. Das Bälliz erinnert an den zum Flussarm ausgebauten Stadtgraben. Die gedeckten Schleusenbrücken zeigen, wie eng Verkehrsweg und Wasserregulierung miteinander verbunden wurden.

Auch die geraden Uferlinien, befestigten Böschungen und zahlreichen Übergänge sind keine zufälligen Elemente. Sie dokumentieren, wie die Stadt immer wieder auf veränderte Wassermengen, wirtschaftliche Bedürfnisse und neue Sicherheitsvorstellungen reagierte.

Weitere Einblicke in das Zusammenspiel von Altstadt, Schloss und Aare bietet das BELMEDIA-Porträt „Kanton Bern im Porträt“. Die städtebauliche und historische Bedeutung der Thuner Wasserlandschaft wird ebenfalls im Beitrag „Kanton Bern: Architektur, Denkmäler und historische Orte“ aufgegriffen.

Thuns zwei Aarearme entstanden somit nicht, weil sich der Fluss an dieser Stelle von selbst dauerhaft geteilt hätte. Sie sind die sichtbare Antwort auf die Folgen des Kanderdurchstichs von 1714. Aus einem früheren Stadtgraben, einem bestehenden Flusslauf und zwei regulierenden Schleusen entstand eine Wasserlandschaft, die das Zentrum bis heute formt.

 

Bildquellen: Titelbild: Depositphotos/VogelSP; Bild 1: Shutterstock/Michael Derrer Fuchs; Bild 2: Depositphotos/volgariver; Bild 3: Shutterstock/Tupungato; Bild 4: Depositphotos/rudi1976

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