Zukunft trifft Vergangenheit: Die Walz, ein immaterielles Kulturerbe
von belmedia Redaktion Allgemein Denkmalpflege
Im Jahr 2014 nahm die UNESCO die Walz, also die Wanderschaft der Handwerksgesellen, in die Liste des immateriellen Kulturerbes auf.
Die Tradition der Gesellenwanderschaft halten Handwerker aus der Schweiz, Deutschland, Österreich, Teilen Frankreichs und den skandinavischen Ländern am Leben.
Die Wurzeln der Walz liegen im Mittelalter
Im 12. Jahrhundert hatte das Handwerk in Europa einen hohen Stellenwert. Die Zünfte, die Handwerksorganisationen jener Zeit, entwickelten strenge Regeln und Rituale, um die Qualität und die Geheimnisse ihres Handwerks zu schützen. Zu diesen gehörte die Wanderschaft oder Walz, die junge Gesellen nach dem Abschluss ihrer Lehre antraten. Sie diente dazu, die Fähigkeiten zu erweitern, indem sie von Meistern in anderen Städten und manchmal sogar in anderen Ländern lernten. Jahrhundertelang war die Wanderschaft Voraussetzung für die Meisterprüfung.
Diese Reisen waren nicht nur eine Form der beruflichen Weiterbildung, sondern auch ein soziales Ritual, das den Übergang vom Lehrling zum Meister markierte. Die Bedeutung der Walz war damals sehr hoch und ist es auch heute noch, auch wenn sie nicht mehr Bedingung für den Meistertitel ist. Sie ermöglicht den Austausch von Wissen und Fertigkeiten über regionale Grenzen hinweg und trägt so zur Verbreitung von Innovationen bei. Für die Gesellen selbst ist die Walz eine prägende Lebenserfahrung. Sie fördert die persönliche Unabhängigkeit, Reife und soziale Kompetenzen. Die Gesellen lernen, sich in neuen Umgebungen zurechtzufinden, knüpfen ein Netzwerk und erfahren die Vielfalt ihres Handwerks.
Ob die Walz als überholt angesehen werden kann, sei dahingestellt: Die Fähigkeiten, die sich die jungen Berufsleute auf der mehrjährigen Reise aneignen, können weder Internetrecherche noch sozialen Medien ersetzen.
Die strengen Regeln der Walz
Seit hunderten von Jahren gelten für die Walz strenge Regeln: Zum Beispiel dürfen sich die Reisenden maximal 50 Kilometer ihrem Heimatort nähern. Die traditionelle Dauer der Walz beträgt drei Jahre und einen Tag, obwohl es auch längere – und selten kürzere – Varianten geben kann. Wandergesellen tragen während der Reise ihre typische Tracht, die als „Kluft“ bekannt ist. Diese besteht in der Regel aus einem Hut, einer Weste, einer Jacke und einer schwarzen Hose sowie einem weissen Hemd, ergänzt durch Ohrring, Wanderstock und Taschenuhr. Die genaue Ausführung kann je nach Handwerk und Region variieren, zudem gehört jeder Wandergeselle einer Zunft oder Bruderschaft an.
Die Kluft steht für die Werte der Handwerkstradition: Ehrlichkeit, Stolz auf die eigene Arbeit und die Solidarität unter den Handwerkern. Sie ist ein Zeichen der Verbundenheit mit der Geschichte des eigenen Berufsstandes und ein Ausdruck des Respekts gegenüber den Meistern und Gesellen, die diesen Weg vor ihnen gegangen sind.
In unserer modernen Zeit kamen noch weitere Regeln hinzu: Die Reise muss zu Fuss oder per Autostopp erfolgen, ein eigenes Fahrzeug zu benutzen, ist ebenso nicht erlaubt, wie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen. Das heisst: Es darf kein Geld für die Reise ausgegeben werden. Übrigens auch nicht für die Übernachtung. Und letztendlich passen Walz und Internet nicht zusammen: Die Handwerksgesellen dürfen weder Handy noch ein anderes internetfähiges Gerät mit sich tragen. Ebenso gilt bis heute: Wer auf Wanderschaft ist, muss überall so auftreten und sich so benehmen, dass nachfolgende Gesellen in der Bevölkerung auf Hilfsbereitschaft und Wohlwollen stossen.
Arbeit finden auf der Walz
Handwerksgesellen können nicht auf das Internet zugreifen, wenn sie Arbeit suchen. Aber wie finden die Handwerker auf der Walz ihre Jobs? Sie sind untereinander gut vernetzt, wandern manchmal eine Strecke zu zweit, zu dritt oder in einer Gruppe und tauschen sich aus. Eine wichtige Rolle spielen Beizen, wo Gesellen in Kluft gerne an den Stammtisch eingeladen werden. Hier gibt es Insidertipps und lässt sich manch spannendes Projekt finden. Da der Einsatz meist nur wenige Wochen dauert, maximal drei Monate dauern darf, heisst es, immer Augen und Ohren offenzuhalten. Gesellen, die auf der Walz sind, haben in der Regel grosses Interesse an traditionellem Handwerk und geschichtsträchtigen Bauwerken.
Denkmalgeschützte Gebäude benötigen traditionelles Handwerk
Von den vielfältigen Einsätzen und den damit verbundenen Erfahrungen, profitiert die Denkmalpflege in besonderem Masse. Handwerksgesellen, die auf der Walz sind, arbeiten gern an historischen Gebäuden und Denkmälern und erlernen dabei traditionelle Techniken, die für die Restaurierung und Erhaltung dieser Objekte unerlässlich sind. Die Wanderschaft ermöglicht es den Gesellen, spezialisiertes Wissen von erfahrenen Restauratoren und Handwerkern zu erwerben, das in modernen Ausbildungsgängen heute kaum noch vermittelt wird.
Die praktische Erfahrung, die auf der Walz gesammelt wird, ist für die Denkmalpflege von grossem Wert. Gesellen, die bei Restaurierungen oder bei der Sanierung historischer Gebäude helfen, tragen dazu bei, dass alte Techniken und Materialien nicht in Vergessenheit geraten und dass geschichtsträchtige Bauten authentisch instandgesetzt werden können. Durch die Anwendung traditioneller Methoden und die Verwendung originalgetreuer Materialien wird sichergestellt, dass Denkmäler für zukünftige Generationen in ihrer ursprünglichen Form erhalten bleiben. Zieht der Geselle weiter, bleibt das Wissen nicht «auf der Strecke», sondern wird mitgenommen und später weitergegeben.
Warum die Walz ein immaterielles UNESCO Kulturerbe ist
Die Wanderschaft der Handwerksgesellen stellt eine lebendige Tradition dar, die nicht nur zur persönlichen und beruflichen Entwicklung der Gesellen beiträgt, sondern auch eine zentrale Rolle bezüglich Erhalt und Pflege des kulturellen Erbes spielt.
Die UNESCO kennt mit dieser Auszeichnung die historische Bedeutung der Walz an, deren Tradition bis ins Mittelalter zurückreicht und als historisches Zeugnis der Berufsausbildung und des sozialen Austausches im mittelalterlichen Europa gilt. Das auf diesem Wege übertragene Wissen und die erlernten Fähigkeiten sind bis heute unschätzbar, kann der Austausch von Fachwissen und Handwerkstechniken über regionale und Ländergrenzen hinweg doch nur direkt vor Ort vermittelt werden. Reisen, die zum Teil in ferne Länder und sogar auf andere Kontinente führen, fördern die persönliche Entwicklung der Gesellen, sowie die sozialen und interkulturellen Kompetenzen. Das heisst, der kulturelle Austausch zwischen Regionen und Ländern trägt zum gegenseitigen Verständnis und Respekt bei. Die Wanderschaft stärkt das Gemeinschaftsgefühl und die Wertschätzung des Handwerksstandes.
Die Anerkennung als immaterielles Kulturerbe schützt die Gesellenwanderung, sodass diese einzigartige Form des kulturellen Austauschs und der beruflichen und persönlichen Weiterbildung für die nächsten Generationen erhalten bleibt.
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