Historische Festungen und neue Bunker in der Schweiz

04.02.2016 |  Von  |  Denkmalpflege
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Historische Festungen und neue Bunker in der Schweiz
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Die meisten Ausländer und Touristen sind überrascht, wenn sie erfahren, wie viele militärische Festungen, alte Bunker und neue Schutzräume es in der Schweiz gibt.

Tatsächlich hat das Sichern und Verschanzen im Land der Eidgenossen eine lange Tradition. Das liegt nicht nur am technischen Perfektionismus der Schweizer, sondern auch an der vorherrschenden Mentalität: Sicher ist sicher, und Sicherheit muss sein – am besten auch im eigenen Haus.

Die Schweiz ist ein Befestigungsland par excellence

Der Bau militärischer Befestigungen in der Schweiz hat eine lange Geschichte. Ihr Ursprung liegt im Mittelalter, als die ersten Städte befestigt und die ersten Burgen gebaut wurden. Nach den Stadtbefestigungen kamen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die Landesbefestigungen hinzu. Die räumlichen Schwerpunkte wurden dabei von der damaligen Einsatzdoktrin vorgegeben.

Besonders viele Festungen und militärische Schutzanlagen gibt es am Gotthard, bei St-Maurice und am Luziensteig. Diese Anlagen wurden in den beiden Weltkriegen erweitert, ausgebaut und ergänzt durch den Grenzschutz. Als sich die Art der gefürchteten Bedrohung mit dem Beginn und der Ausweitung des Kalten Krieges veränderte, beeinflusste das die weiteren Verstärkungs- und Ausbaumassnahmen in der neueren Zeit.

Ziel der Massnahmen musste (und muss) in einem neutralen Land stets die optimale Unterstützung eines eventuellen Abwehrkampfes sein. Die Schweizer Armee braucht vor allem Verteidigungsanlagen – und bei deren Bau ging man natürlich mit der gewohnten Gründlichkeit und Präzision ans Werk, so dass die alten Festungen in Berg und Fels bis heute erhalten geblieben sind und sich in gutem Zustand befinden. Etliche stehen unter Denkmalschutz und sind als Museen, Mahnmale oder Gedenkstätten für die Öffentlichkeit zugänglich.

Sasso da Pigna – eine historische Festung auf dem Gotthardpass

Im Kanton Tessin, auf dem Gebiet der Gemeinde Airolo, liegt das zum Teil denkmalgeschützte ehemalige Artilleriewerk Sasso da Pigna. Die Festung wurde von 1943 bis 1945 gebaut, die Kosten dafür beliefen sich auf rund 10 Millionen Schweizer Franken. Bis zum Jahr 1998 blieb Sasso da Pigna eine militärische Kampfanlage. Dann wurde das Artilleriewerk auf dem Gotthardpass ausser Dienst gestellt, für die zivile Nutzung umgestaltet und am 25. August 2012 als Museum wieder eröffnet.

Die Anlage besitzt eine eigene Wasserquelle und ein Wasserreservoir. Sie ist in zwei Teile untergliedert: den Kampfstand mit Geschützen, Maschinengewehrständen und Munitionsmagazin sowie den Unterkunfts- und Verpflegungstrakt, zu dem auch der Maschinenraum, ein Sanitätsbereich und Raum für den Proviantvorrat gehören. Zwischen den beiden Teilen gibt es eine unterirdische Standseilbahn.


Sasso da Pigna (Bild: © Clément Dominik, Wikimedia, CC BY-SA 2.0)

Sasso da Pigna (Bild: © Clément Dominik, Wikimedia, CC BY-SA 2.0)


Im Museum, das heute den Namen Sasso San Gottardo trägt, können Neugierige die gleichnamige Ausstellung besuchen und Räume entdecken, die viele Jahre lang vor den Augen der Welt verborgen waren. Besichtigt werden können unter anderem der ehemalige Mannschafts-Waschraum und der beeindruckende Motorenraum, der die Stromversorgung des Artilleriewerks sichert.

Die Ausstellung Sasso San Gottardo umfasst die bereits grob umrissene Festungswelt und, als Kontrast dazu, eine Themenwelt mit den Themen Mobilität, Energie und Kristalle. Neben dem Museum und den Ausstellungsflächen bietet Sasso San Gottardo auch Konferenzräume tief im Gotthardmassiv. Nach der aktuellen Winterpause wird die historische Festung am 27. Mai 2016 wieder ihre Tore öffnen.

Private Bunker und Schutzräume für die Zivilbevölkerung

In nahezu jedem Schweizer Haus ab einer gewissen Grösse gibt es einen Schutzraum. Die meisten dieser Räume liegen im Keller bzw. Untergeschoss, sind mit dicken Türen aus Stahlbeton gesichert und mit einer Gasfilteranlage und einem Ventilationssystem ausgestattet. Bis vor kurzem schrieb der Gesetzgeber Bauherren vor, in jedes neue Einfamilienhaus auch einen Luftschutzraum einzubauen – getreu dem in Artikel 45 und 46 des Bevölkerungs- und Zivilschutzgesetzes formulierten Prinzip, dass für jeden Einwohner ein Schutzraum zur Verfügung stehen muss.


 Motorenraum im Sasso San Gottardo (Bild: © Clément Dominik, Wikimedia, CC BY-SA 2.0)

Motorenraum im Sasso San Gottardo (Bild: © Clément Dominik, Wikimedia, CC BY-SA 2.0)


Gäbe es einen internationalen Schutzraum-Wettbewerb, würde die Schweiz ihn gewinnen: In über 5‘000 öffentlichen Schutzanlagen und rund 300‘000 Bunkern und Personenschutzräumen in Wohnhäusern, Spitälern und Instituten fände im Ernstfall tatsächlich die komplette Bevölkerung Platz – und könnte sogar noch Gäste aus dem Ausland mitnehmen. Einen solchen Deckungsgrad von weit über 100 Prozent gibt es in keinem anderen Land der Erde. Selbst in Finnland und Schweden, die nach der Schweiz am besten mit Schutzräumen versehen sind, könnten sich im Ernstfall lediglich 70-80 Prozent der Bevölkerung hinter den dicken Türen verschanzen – und in Deutschland wären es gerade einmal drei Prozent.

Aktuell sind die gesetzlichen Bestimmungen in der Schweiz dahingehend gelockert worden, dass nicht mehr jeder Neubau zwingend einen eigenen Schutzraum benötigt. Einfamilienhäuser und Mietshäuser mit weniger als zehn Wohnungen sind von dieser Auflage künftig befreit. Doch diese Anpassung an die Realität ändert vermutlich wenig an der Schweizer Mentalität. Wer kann schon wissen, welche Bedrohungen die Zukunft bringen wird? Das grosse Sicherheitsbedürfnis der Eidgenossen hat nicht nur eine weltweit einzigartige Schutzraumdichte geschaffen, sondern ist auch der Grund dafür, dass ein durchschnittlicher Schweizer Familienhaushalt rund ein Fünftel seines Budgets für Versicherungen ausgibt.

Zu Gast im Atombunker: Das Null Stern Hotel

In Sevelen, einer 4000-Seelen-Gemeinde bei St. Gallen, können Reisende und Ausflügler ein Hotel der besonderen Art besuchen. Das Null Stern Hotel ist ein ehemaliger Atombunker, den die Künstlerzwillinge Patrik und Frank Riklin zu einer preiswerten Herberge umgestaltet haben. Hier können Gäste für kleines Geld in den fensterlosen, unterirdischen Zimmern nächtigen und den typischen Charme eines ausgedienten Betonbunkers erleben.



Das Motto des innovativen Eco-Luxury-Hotels lautet „The only star is you” („der einzige Stern bist du”). Das ist auch der Name der Marke, die die Gründer ins Leben gerufen haben, um die Werte und Wurzeln ihrer Idee auszudrücken und zu bewerben. Nachhaltigkeit ist ein wichtiger Teil der Unternehmensphilosophie: Das Null Stern Hotel nutzt Ressourcen, die bereits verfügbar sind, und arbeitet eng mit verschiedenen Partnern aus Wirtschaft, Kultur und Bevölkerung zusammen.

 

Artikelbild: Symbolbild © Maciej Bledowski – shutterstock.com

Über Christine Praetorius

Christine Praetorius, Jahrgang 1971, spricht und schreibt über Neues, Altes, Schönes und Kurioses. Ich liebe Sprache und Musik als die grössten von Menschen für Menschen gemachten Freuden – und bleibe gerne länger wach, um ihnen noch etwas hinzuzufügen. Seit 2012 arbeite ich mit meinem Mann Christian als freie Texterin, Autorin und Lektorin.


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