Das Nähmaschinen-Museum am Pilgersteg

23.09.2015 |  Von  |  Allgemein
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Das Nähmaschinen-Museum am Pilgersteg
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Ein Museum für Nähmaschinen – ist das nicht nur für Näherinnen interessant? Das fragen sich jetzt sicher viele Leser. Aber keineswegs. Dieses Museum fasziniert in vielerlei Hinsicht. Es ist auch ein kleiner Ausflug in die guten alten Zeiten, als jeder technische Fortschritt etwas Besonderes war und in denen man sehr aufwendig genähte Kleidungsstücke trug.

Idyllisch und gemütlich gelegen, im Grundtal zwischen den Orten Rüti und Wald, lädt ein schmuckes Haus zum Entdecken der Geschichte der Nähmaschinen ein. Die grossen und kleinen Besucher lernen hier die technische Entwicklung anhand der ersten Nähmaschinen kennen: Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Die Entdeckungsreise umfasst kleine Spielzeugmaschinen, einfache Haushaltsmaschinen, Industriemaschinen und hochkomplexe Spezialmaschinen.

Die mehreren hunderte Modelle an Maschinen stammen aus den verschiedensten Bereichen. So brauchte man für das Schuhemachen ganz andere Nähmaschinen als für die Pelzverarbeitung. Zu sehen sind echte Raritäten aus Privatbesitz und die Sammlung von Roni Schmied, der auch Gründer des Museums ist.

Ein Besuch des Museums spricht nicht nur technisch interessierte Gemüter an oder solche, die fasziniert vom Nähen sind. Es ist einfach eine Zeitreise in die Entwicklung unserer heutigen Kultur.

Von der Sammlung zum Museum – sammeln lohnt sich!

Roni Schmied war 11 Jahre alt, als er eine Nähmaschine im Müll fand. Wie Kinder so sind, kramte er das interessante Gerät heraus und schleppte es, so schwer es auch war, nachhause. Das Sammler-Gen hatte ihn erwischt und er sollte noch viele Modelle entdecken und erwerben. Wir kennen die Faszination: Alte Nähmaschinen rufen bei vielen Menschen Begeisterung hervor und wer ein antikes Stück besitzt, möchte es gerne ausstellen.

Doch zu Hause fehlt meist der Platz. Das Problem hatte auch Roni und so hatte er schon mit 13 Jahren Lust, ein Museum aufzumachen. Er macht erste Skizzen und träumte vor sich hin. Jahrzehnte später wurden seine Träume war und er eröffnete in der denkmalgeschützten Fabrikanlage „Pilgersteg“ das Museum im Jahr 2013. Roni Schmied blieb mit seiner Passion nicht alleine und so half ihm bald Tino Jaun, einen Ort in Zürich zu schaffen, in denen die Nähmaschinen zu ihren Ehren kamen und der allen Ansprüchen gerecht wurde.

Der Ort für das Museum ist mehr als passend gewählt. Das Gebäude war im 19. Jahrhundert eine Remise und eine Fuhrmann-Logis der Seidenspinnerei gegenüber. Danach gehörte es einer Nagelfabrik, der Firma Hesco. Dann wurde es als Werkschreinerei und Wohnhaus für Arbeiter genutzt. Anschliessend zog eine Zimmerei ein und im Jahr 2000 wurde es wieder Wohn- und Geschäftshaus einer Familie. Schliesslich übernahm es eine Antikschreinerei, die auf dem ehemaligen Heuboden Platz für die Privatsammlung antiker Nähmaschinen liess.


Nähmaschinen-Museum am Pilgersteg in Dürnten – Aussenansicht. (Bild: Tino Jaun, Wikimedia, CC)

Nähmaschinen-Museum am Pilgersteg in Dürnten – Aussenansicht. (Bild: Tino Jaun, Wikimedia, CC)


Die Geschichte der Nähkunst geht uns alle etwas an

Vielleicht denkt der eine oder andere, dass er mit Nähen nichts am Hut hat. Doch das ist ein Irrtum. Wir alle haben einen Bezug dazu über die aktuelle Mode und die Textilien, die wir täglich benutzen. Die Näherei ist mit eine der ältesten Handwerkskünste. Sie war nicht erst in der Industrialisierung wichtig, denn schon vorher legten Adelige und „gut Betuchte“ viel Wert auf sorgfältig und aufwendig genähte Kleidung.

Sogar die Kleidung der armen Leute hatte früher komplizierte Schnitte und musste gut und strapazierfähig vernäht sein. Geschickte Näher waren zu jeder Zeit wichtig. In der Industrialisierung gab es die ersten Versuche, die Näherei aus den müden Händen der Näher zu nehmen und zu mechanisieren. Der Versuch ist gelungen. Die Herstellung von Nähmaschinen wurde ein grosses Geschäft. Es waren sogar die ersten mechanischen Haushaltsgeräte, die man ab Mitte des 19. Jahrhunderts in fast jedem Haushalt fand.

So gesehen ist es in mehrerer Hinsicht faszinierend, die Entwicklung der Nähmaschinen zu betrachten. Sie betrifft nicht nur die technische Entwicklung, sondern auch die soziale und kulturelle. Wer weiss schon, dass es die Entwicklung der Nähmaschinen war, die das Patentrecht vorantrieb? Auch die heutige Ratenzahlung fand ihren Ursprung in der Zeit der ersten Nähmaschinen. Denn diese konnte sich kaum ein Haushalt leisten, also zahlte man per Raten.


Luxusmodell von Howe mit Perlmutt 1874 (Bild: Nicolas Zonvy, WIkimedia, CC)

Luxusmodell von Howe mit Perlmutt 1874 (Bild: Nicolas Zonvy, WIkimedia, CC)


Die Ausstellung

Die Ausstellung umfasst über 100 Einzelteile wie Nähmaschinen und Zubehör. Sie ist nach Herkunftsländern und Einsatzbereichen geordnet. Einige Objekte sind restauriert, andere tragen extra Gebrauchsspuren. Die Sammlung ist keineswegs abgeschlossen, sondern es finden immer wieder Neuzugänge Platz. Eine Führung durch das Museum zeigt die technische Entwicklung, die verschiedenen Sticharten und die Funktionsweise der alten und neuen Maschinen.

Stets wartet die Ausstellung mit Neuerungen und Überraschungen auf: So gibt es seit dem 22. August dieses Jahres die „neue-alte“ Madame zu bewundern. Das ist eine alte Schaufensterpuppe, die edel gekleidet im Stil des 19. Jahrhunderts den Besuchern „ihre“ Luxus-Maschine der Marke White zeigt. Die Dame stellt symbolisch die Oberschicht der damaligen Zeit dar. Für viele war damals eine mechanische Nähmaschine ein echtes Status-Symbol. Die Dame trägt nun seit Neuestem Original-Kleidung aus der Gründerzeit um 1880.

Ein weiteres Highlight der Ausstellung ist die sogenannte „Unanständige“; das ist eine Nähmaschine von Peugeot gewesen, die 1877 erstmals auf den Markt kam. Warum hiess sie die „Unanständige“? Die Näherinnen mussten zur Bedienung der Maschine, nämlich um die Pedale zu erreichen, ihre langen Kleider etwas anheben, was den Blick auf die Füsse und Knöchel freigab. Man mag es sich heute kaum vorstellen, aber das reichte damals schon, um die Maschine wieder zu verbieten.

Vielleicht interessiert die Besucher auch eine amerikanische Singer-Maschine von 1860 mit Goldmuster. Diese kostete im 19. Jahrhundert ganze 200 Dollar und war ein echtes Luxus-Objekt, denn eine Familie in Amerika hatte im ganzen Jahr ca. 250 Dollar zur Verfügung. Es gibt neben diesen Modellen auch reich verzierte wie die „Bijou“, die mit asiatischen Motiven glänzt. Sie ist Jahrgang 1870 und kommt aus Paris.


Nähmaschinen-Museum am Pilgersteg in Dürnten (Bild: Nicolas Zonvy, Wikimedia, CC)

Nähmaschinen-Museum am Pilgersteg in Dürnten (Bild: Nicolas Zonvy, Wikimedia, CC)


Natürlich fehlen in der Ausstellung auch nicht die Paradestücke der Marken Bernina und Pfaff.

In jedem Fall ist ein Besuch des Nähmaschinenbesuches für alle Generationen empfehlenswert. Die kleine Zeitreise stimmt nachdenklich und hinterlässt ein beschauliches Gefühl. Schliesslich sorgt sie auch dafür, dass wir unsere Kleidung und Textilien mit ganz anderen Augen betrachten, denn in jedem Stück steckt ein kleines Stückchen Nähmaschinengeschichte.

Nähmaschinen-Museum

Roni Schmied und
Tino Jaun
Walderstrasse 202
8635 Dürnten
Tel. +41 (0)55 241 26 34
info@naehmaschinen-museum.ch
Lageplan und Anreise

Öffnungszeiten:

Sa. 9:30-16:00 Uhr
oder ausserhalb dieser Zeiten
und mit Führung

Weitere Nähmaschinenmuseen in der Schweiz:

Nähmaschinenmuseum Fribourg

Musée de la Machine à Coudre
Grand-Rue 58
1700 Fribourg
Tel. +41 (0)26 475 24 33
www.museewassmer.com

Nähmaschinenmuseum Chur

Pulvermühlestrasse 79
7000 Chur
Tel. +41 (0)81 252 28 06
www.pfaff-chur.ch/museum

 

Artikelbild: © Nicolas Zonvy, Wikimedia, CC

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