Früheres Leben im Oberländer Flarz – ein Einblick in die ländliche Geschichte

05.06.2014 |  Von  |  Allgemein, Denkmalpflege
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Früheres Leben im Oberländer Flarz – ein Einblick in die ländliche Geschichte
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Flarzhäuser sind vor allem im Zürcher Oberland bekannt. Ein solches Bohlenständerhaus aus dem 16. Jahrhundert, das unter Denkmalschutz steht, dient heute als Wohnmuseum und kann besichtigt werden.

In dem Häuschen in Undalen bei Bauma im Kanton Zürich lebte die Weberin Rosa Freddi 93 Jahre lang. Der Einblick in ihr Wohnumfeld und in ihre Lebensgeschichte ist interessant, aber auch bedrückend. Das Freddi-Haus ist ein einmaliges und gut erhaltenes Zeugnis eines arbeitsreichen und bescheidenen Lebens.



Das Freddi-Haus, ein schützenswertes Wohnobjekt

Die Bezeichnung „Flarz“ ist hauptsächlich im Zürcher Oberland gebräuchlich. Es handelt sich dabei um kleine, dicht aneinandergebaute Häuser, in denen Kleinbauern und Heimarbeiter lebten. Der Begriff leitet sich von dem mundartlichen Wort für „ducken“ ab. Das Zürcher Oberland war seit dem 16. und 17. Jahrhundert bekannt als ein Ort, an dem die Spinnerei und Weberei heimisch war. Dafür war hauptsächlich eine Verordnung der Stadt Zürich verantwortlich.

Das Freddi-Haus – ein schützenswertes Wohnobjekt (Bild: Roland zh, Wikimedia, CC)

Das Freddi-Haus – ein schützenswertes Wohnobjekt (Bild: Roland zh, Wikimedia, CC)

Spinnen und Weben für den Lebensunterhalt



Der Zürcher Rat bestimmte, dass der Verkauf von Baumwollgarn an Fremde ausserhalb der Stadt nicht erlaubt war. So wurde das Handelsmonopol gesichert und viele einfache Menschen verdienten sich mit Spinnen und Weben ihren Lebensunterhalt. In fast allen Oberländer Häusern gab es Spinnräder und Webrahmen oder Webstühle. Bis zum Beginn der Industrialisierung waren das Spinnen und Weben die Quelle für einen Zuverdienst der armen Kleinbauern. Im 19. Jahrhundert verlagerte sich das Arbeitsumfeld in die Fabriken.

Holz als Baumaterial für Bohlenständerhäuser

Die Bohlenständerbauweise der Flarzhäuser ist bei einigen gut erhaltenen Gebäuden aus der damaligen Zeit heute noch sichtbar. In der Schweiz befinden sich teilweise noch ältere bäuerliche Behausungen, zum Beispiel das Haus Bethlehem im Kanton Schwyz. Doch nicht nur das äussere Erscheinungsbild vermittelt einen Eindruck der bescheidenen Lebensweise. Im Inneren wird das ganze Ausmass der schwierigen Umstände sichtbar, mit denen sich die ärmliche Bevölkerung auseinandersetzen musste.



Schwierige Lebensumstände

Fliessendes Wasser gab es nicht, dafür musste man den Brunnen aufsuchen, der im Hof lag. Undichte Holzwände, Lehmböden und tropfende Schindeldächer erschwerten den Alltag. Die Weberin Rosa Freddi lebte von Geburt an bis zu ihrem Tod im Jahr 1978 in einem solchen Flarzhaus. Sie wurde 93 Jahre alt, aber erst in ihren zehn letzten Lebensjahren hatte sie elektrisches Licht und Strom zur Verfügung. Zum selben Zeitpunkt liess die sparsame Frau den alten Lehmboden durch einen Klinkerboden ersetzen. Geheizt hat Rosa Freddi mit dem altersschwachen, brüchigen Lehmofen.

Wer das Freddi-Haus besichtigen möchte, kann sich bei der Gemeindeverwaltung Bauma anmelden. Für Kleingruppen ist die Besichtigung nach der Reservation jederzeit möglich. Ein Rundgang durch das Häuschen zeigt eine Küche mit einem Steinplattenherd. In der Schlafklammer stehen zwei Betten, ausserdem gibt es noch die ehemalige Kinderkammer und einen Geissenstall im Hausinneren. Das Toilettenhäuschen und die Wasserstelle befinden sich im Freien.

Flarzhäuser sind vor allem im Zürcher Oberland bekannt. (Bild: Roland zh, Wikimedia, CC)

Flarzhäuser sind vor allem im Zürcher Oberland bekannt. (Bild: Roland zh, Wikimedia, CC)

Das einfache Leben der Weberin Rosa Freddi



Rosa Freddi war die Tochter eines italienischen Wanderarbeiters und einer einheimischen Mutter. Sie hatte noch zwei Geschwister. Sie blieb unverheiratet, in dem Flarz-Haus lebte lange Zeit auch ihr Bruder. Er verstarb im ersten Kriegsjahr 1939. Seine Schwester bewohnte fortan das Häuschen alleine.

Wie schwierig ihre Lebensumstände waren, lässt sich bei einem Besuch des Flarzhauses nur erahnen. Ihren Lebensunterhalt verdiente Rosa Freddi in einer Weberei in Juckern bei Saland. Dort begann sie im Alter von 14 Jahren und blieb über 50 Jahre in dem Unternehmen angestellt. Ihren Bruder vermisste sie wohl sehr, denn das heutige Wohnmuseum zeigt immer noch die Pfeife und den Spazierstock des Bruders.

Die Weberin fand Trost im Glauben. In dem Wohnhaus befinden sich zahlreiche Bilder der Mutter Gottes. Rosa Freddi besuchte jahrelang die katholische Kirche in der 15 Kilometer entfernt liegenden Gemeinde Wald. Später wurde in Bauma eine katholische Kirche erbaut, dort sang Rosa Freddi im Cäcilienchor. Über ihr Leben berichtet der Orts-Chronist Sprenger. Er schildert sie als gläubige und ruhige Frau.

Im Dorf war sie wohlgelitten, doch die Einsamkeit war ihr ständiger Begleiter. Im Alter sei sie ein wenig sonderbar geworden, schreibt Sprenger. Einmal habe sie den Friedensrichter eingeschaltet. Der Anlass war eine Auseinandersetzung mit ihren Nachbarn, denn eines der Nachbarhühner sei angeblich auf ihren Stubentisch geflattert. Als sich jedoch herausstellte, das die Verhandlung in einem Gasthof stattfinden sollte, beschloss Rosa Freddi, nicht hinzugehen. Wirtschaften hielt sie für „Tüfelszüüg“.

Das Flarzhaus in Undalen ist ein Zeugnis der bäuerlichen Vergangenheit. (Bild: Roland zh, Wikimedia, CC)

Das Flarzhaus in Undalen ist ein Zeugnis der bäuerlichen Vergangenheit. (Bild: Roland zh, Wikimedia, CC)

Dank Denkmalschutz zu besichtigen: Das Flarzhaus in Undalen

Der Besuch des Flarzhauses der Weberin Rosa Freddi lohnt sich für alle, die sich von den Lebensumständen in alter Zeit und unter ärmlichen Umständen ein Bild machen möchten. Nicht nur das Haus an sich ist sehenswert, dazu gehört auch die interessante Geschichte der fleissigen Frau, die in ihren 93 Lebensjahren wahrscheinlich mehr Tiefen als Höhen erlebt hat. Im Rahmen der Europäischen Tage des Denkmals, die alljährlich stattfinden, gibt es noch viele weitere interessante Einblicke in die Historie.



 

Oberstes Bild: Flarz mit Haus Freddi, Undelstrasse 29–37 in Bauma (© Roland zh, Wikimedia, CC)



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